08 April 2012

Epilog: Die 100-Tage-Bilanz

Zurück!
Irgendwo in Brandenburg
Warten auf die Genesung
Spaziergänge
und Sonnenuntergänge
Naturdusche auf 3000 Metern
Elektrodusche in Lateinamerika
Freiluftklo
Auch dies ist ein stilles Örtchen
Iranische Kinder in Kandovan
Iranische Kinder in Isfahan
Iraner?
Yurten in Kirgisien
Unsere kirgisische Gastfamilie
Kirgisischer Opi
Angkor
A Tribute to Angkor
Auf den Spuren von Lara Croft
Südostasiatische Spießchen
Malaisches Erdnussfondue
Calakmul in Mexiko
Tikal in Guatemala
San Blas Inseln
Noch ein San Blas Strand
Dynamische Kolumbianer
Kolumbianische Mädels auf spanischer Kanone
Begegnung auf Galapagos
Chillen auf Galapagos
Ohne Tod kein Leben
Machu Picchu
Inka-Stadt in den Wolken
Mirador Las Torres in Chile
Torres del Paine in Chile
Während einer langen Reise wird das Reisen normal. Man teilt seine Erfahrungen mit anderen Reisenden und findet dadurch eine Basis mit Menschen, mit denen man sonst möglicherweise nicht viel gemeinsam hätte. Während diesen Begegnungen überkommt einen das Gefühl, dass eine ein- oder zweijährige Reise nichts mehr Außergewöhnliches ist. Gleichzeitig nimmt man aber in den bereisten Ländern bei der Bevölkerung immer eine Sonderposition ein und je abgelegeneren Wegen man folgt, desto mehr wird man zur Ausnahmeerscheinung, manchmal fast zum Star.
Zurück in Deutschland ist dann auf einmal alles anders. Hier ist man nicht mehr der auffallende Falang, Gringo oder Viajero, sondern man kehrt zurück in die Anonymität der Masse und wird wieder zur Nummer. In meinem Fall ist das die Kundennummer 419D290310, die ich am Morgen nach unserer Ankunft in einer Agentur für Arbeit in Brandenburg verliehen bekam. Wenigstens war mein Sachbearbeiter ganz nett, während Nadja von ihrer Betreuerin mit einem herzlichen „Von mir haben Sie nicht viel zu erwarten“ empfangen wurde. Welcome back to Germany!
Nach den teils zur Unkenntlichkeit verrosteten Fahrzeugen in Südamerika fielen uns schon auf dem Weg vom Flughafen die vielen neuen Audis, Mercedes und BMWs auf, deren Fahrer bestimmt alle einen großformatigen Flachbildfernseher und eine Kaffeemaschine mit Umwelt bedenklichen Einwegkartuschen zu Hause haben. Stellten Fernsehen und Radio für uns schon eine hoffnungslose Reizüberflutung dar, konnten andere dabei noch mühelos auf ihren Smartphones rumzoomen, die neusten „Apps“ austauschen und über „geocaching“ und „wulffen“ diskutieren. Zum Glück hatten wir mit dem Gutshof meiner Schwester am Rand eines 100-Seelen-Dorfes im hintersten Winkel Deutschlands einen perfekten Rückzugsort gefunden, um uns ganz langsam an die Zivilisation zu gewöhnen. Hier freuten wir uns über längst verloren geglaubte Annehmlichkeiten: Eine selbstverständlich warme Dusche bei der man nicht die Armaturen umwickeln muss, um zu verhindern, dass man einen Stromschlag bekommt. Ein wirklich sauberes Bett, in dem man am nächsten Morgen nicht mit dutzenden, wochenlang juckenden Floh- oder Wanzenbissen aufwacht. Ein geputztes Klo, auf dass man sich sogar setzen möchte. Ein Herd an dem nicht die Überreste der letzten sieben Mahlzeiten der Unterkunftsgenossen haften. Und so weiter...
Einige Angewohnheiten der Reise mussten nun mehr oder weniger mühsam über Bord geworfen werden. Dass man neben Unterwäsche nun auch alle paar Tage mal eine Hose oder den Pullover wechseln konnte war wirklich Luxus. Das ständige Mitführen von Wasserflaschen war Dank des trinkbaren Kranwassers noch recht leicht abzulegen. Komischer war es schon, nicht mehr jede Plastiktüte, die uns in die Hände fiel zu horten, um sie bei der passenden Gelegenheit als Regenschutz, Wäschesack oder Müllbeutel benutzen zu können. Am schwierigsten war es den Reflex zu unterdrücken, gebrauchtes Klopapier neben sich in den Abfalleimer zu werfen. Das mag sich seltsam anhören, aber wir wissen nun, dass wir im alten Europa mit wenigen anderen Ländern ziemlich allein auf der Welt sind mit der Angewohnheit das Papier ins Klo zu werfen. Ob der Nahrungsüberfluss in den Industrieländern dazu geführt hat, dass man hier DN100 Abflussrohre verlegen muss wissen wir nicht. Dafür wissen wir, dass Papier in den DN40 Rohren der weniger entwickelten Länder unausweichlich zum Abfluss-Supergau führt. Und wenn wir gerade bei Papier und Sauberkeit sind: Nachdem wir auf der Reise hier und da auch mal knietief durch Müll waten mussten fällt auf, dass man statt diesen aus dem Fenster zu werfen, hier sogar einer davon gewehten Serviette hinterher läuft. Würde das bei unseren lateinamerikanischen Freunden vielleicht noch für Amüsement sorgen, würden sie sicher jeden für völlig verrückt erklären, der mit einer Tüte Hundekot einsammelt.
Die folgenden Wochen standen leider im Zeichen des ominösen Parasiten, den Nadja sich anscheinend mitgebracht hatte und der dafür sorgte, dass sie zeitweise nicht mehr als ein paar Schritte laufen konnte. Wenigstens waren unsere regelmäßigen Besuche im Berliner Tropeninstitut sehr lehrreich. Zum Beispiel stellten wir irgendwann fest, dass man die Pfanne für die Stuhlprobe nicht auf den Boden stellen muss, sondern sie auch ganz bequem ins Klo einhängen kann. Nach den verschiedensten Theorien und Tests auf die verdächtigen Tropenkrankheiten und Parasiten wie Lamblien, Fadenwürmern, Schweinebandwurm, sowie Reizdarmsyndrom bis hin zum offensichtlich falschen Positivergebnis auf die afrikanische Schlafkrankheit führte eine Wurmkur schließlich sehr langsam, dafür aber stetig zur nachhaltigen Heilung.
Nachdem Nadja wieder fit war, machten wir uns auf Deutschlandreise, um unsere lang vermissten Freunde zu treffen und auch, um uns wieder zu sozialisieren, nachdem wir die letzten Monate in der patagonischen Einsamkeit verbracht hatten. Dementsprechend liefen wir noch mit einem großen Dauergrinsen herum und grüßten jeden auf der Straße, bis wir merkten, dass die Bevölkerungsdichte hier doch viel größer ist und die verdutzten Gegenüber sich in der Regel nur sonntags und auch nur wenn dann noch die Sonne schien zu einem Gruß hinreißen ließen. Nur die Soljanka Frau in Strausberg war allzeit zu einem Plausch bereit.
Während wir auf Reisen waren, wurde das Leben unserer Freunde derweil vor allem von den Themen Hochzeit, Kinder kriegen und Elternzeit bestimmt. Nachdem wir den Nachwuchs kennengelernt hatten und über Themen wie Saugverwirrung und Windeldermatitis aufgeklärt waren, wurden uns insbesondere folgende Fragen zur Reise gestellt:

1.Frage: Wo war es am Schönsten?
Antwort: Einen schönsten Ort zu nennen ist unmöglich, den gibt es nicht. Dafür gibt es verschiedene Erfahrungen in unterschiedlichen Ländern, die für uns sehr besonders gewesen sind: Die Menschen im Iran, das Leben in den Jurten Kirgisiens, die Tempel von Angkor in Kambodscha, das Essen in Südostasien, die Mayastätten Calakmul in Mexiko und Tikal in Guatemala, die Inseln von San Blas, die Freundlichkeit der Menschen in Kolumbien, die Tiere und deren Entwicklungsgeschichte auf den Galapagos-Inseln, Machu Picchu und das heilige Tal der Inkas in Peru, die Landschaft in Chile und so weiter...

2.Frage: Wie seid Ihr mit der Verständigung klar gekommen?
Antwort: Bis zum Iran ging es ganz gut mit Englisch. Nadja hat viele Jahre Russisch gelernt und eine kleine Auffrischung bei der VHS gemacht. Nach den ersten Anlaufschwierigkeiten hat uns das in den Zentralasiatischen Ländern sehr geholfen, in denen man mit Englisch kaum etwas erreicht. Da das gleiche für China gilt, war ich für Chinesisch verantwortlich und hatte Dank eines sehr rudimentären VHS Kurses zumindest ein Grundverständnis für die verschiedenen Betonungen und konnte einige einfache Sätze und Fragen bilden. Grundsätzlich haben wir versucht in jeder Landessprache wenigstens die Standardfloskeln und vor allem die Zahlen zu lernen. Meist geht es beim Reisen um Essen, Unterkunft oder Transport. Die Zahlen helfen einem immens weiter. In Südostasien geht es eigentlich überall ganz gut mit Englisch. Ab Mexiko wurde dann nur noch Spanisch gesprochen. Da das Lateinamerikanische Spanisch viele Anleihen aus dem Englischen aufweist und wir bis dahin ein gewisses Talent zur Kommunikation entwickelt hatten, auch wenn man nur ein oder zwei Wörter im Satz verstand, kamen wir mit einer Mischung aus Französisch und Englisch mit angehängtem „o“ ganz gut durch. Dank unserer Französisch Kenntnissen haben wir in zwei Wochen Sprachschule in Guatemala extrem viel Spanisch gelernt und sind damit bis zum Ende prima zurecht gekommen.

3.Frage: Was war das exotischste Essen?
Antwort: „Kumis“: Vergorene Stutenmilch in Zentralasien, „Laksa“: Makrelensuppe mit Minze in Malaysia, „Menudo“: Pansensuppe in Mexiko, „Cuy“: Meerschweinchen in Ecuador, „Anticuchos“: Rinderherz-Spießchen in Peru, selbst geangelte Piranhas in Bolivien.

Kumis Verkauf in Kirgisien
Lecker Pferdemilch
Laksa riecht gar nicht gut...
...schmeckt aber umso besser!
Wenn die Pansen für die Suppe mal alle sind..
...gibt es auch Schädelsuppe
Meerschweinchengrillrad
Meerschweinchen auf ecuadorianisch
Piranha angeln!
Piranha verspeisen!
4.Frage: Wie nehmt Ihr Deutschland jetzt wahr?
Antwort: Deutschland ist ein Land, in dem sehr vieles funktioniert. Mit der Erfahrung, dass vieles in vielen Ländern nicht selbstverständlich ist, lernt man vieles hier mehr zu schätzen. Damit meinen wir nicht die Pünktlichkeit von Bussen oder das Vorhandensein von Service, sondern zum Beispiel die Gewissheit, dass man von der Polizei keine fiktiven Vergehen und Bußgelder angedichtet bekommt. Oder die Sicherheit mit der wir gedankenlos in ein Taxi steigen, eine Kamera offen herum tragen, oder abends sorglos spazieren gehen können. Oder die Tatsache, dass die Menschen in diesem Land zumindest ansatzweise die gleichen Chancen bekommen und weder in ein Kastensystem hinein geboren werden, noch als ewiger Plantagenarbeiter zur Welt kommen.
Die Dinge über die wir uns vor der Reise geärgert haben sind aber leider immer noch zum ärgern und weil vieles gut ist, heißt das ja nicht, dass manche Dinge nicht besser werden müssen. Einiges empfinden wir als steif und bürokratisch. Vielleicht ist das der Preis fürs Funktionieren? Im Ergebnis mögen wir Deutschland wahrscheinlich nicht mehr oder weniger als vorher, sondern können es nur besser einordnen.

5.Frage: Wie hat Euch die Reise verändert?
Antwort: Die Reise hat wohl weniger uns, als bestimmte Sichtweisen verändert. Einige wichtige Erkenntnisse:
-Wir waren überall auch als Deutsche willkommen und sehr oft wurde uns eine erstaunliche Gastfreundschaft entgegen gebracht.
-Wie wir vor allem im Iran erfahren konnten, kann die mediale Darstellung extrem fern der Realität sein. Dazu Alexander von Humboldt: »Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.«
-Durch das Bereisen vieler muslimischer Länder verschwinden Berührungsängste mit dem Islam und Kopftuch und Gebetsteppich werden normal.
-Das Maß an Glück, welches ein armer Mensch bei einem guten Essen und ein reicher Mensch bei einem neuen Auto empfindet unterscheidet sich nicht.
-Zeit zum Denken und (Tag)Träumen ist unheimlich wichtig und fehlt beim mitteleuropäischen Lebenswandel zu oft.
-Zwei Jahre mit einem 12kg Rucksack zu reisen und nichts zu vermissen außer Freunde und Familie macht frei.
-Die Welt ist unglaublich bunt und facettenreich.
-Wo man freundlich ist fühlen wir uns zu Hause.
-Eine Reise ist die beste Investition von Zeit und Geld.
-Als wir dachten wir seien durch mit den vielen Erkenntnissen, kamen wir in die unveränderte Heimat und nahmen doch alles anders wahr.

Zum Abschluss lautet die Antwort auf die Frage wohin wir jetzt gehen: Wir wissen es noch nicht. Deutschland ist eine Möglichkeit unter mehreren. Aber was wir wissen ist, dass nach 100 Tagen das Fernweh zurück ist!

Update: Seit Anfang Juni 2012 sind wir in Shanghai: www.shanghai.klange.info!

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Kommentare

Inge schrieb:

Danke für diese bewegende und eindrucksvolle 100-Tage-Bilanz !
Danke für all diese wunderbaren Fotos.
Danke für die informativen Berichte.
Danke dafür, dass ihr uns die Vielfalt des menschlichen Lebens auf dieser Erde so einfühlsam nahegebracht habt.
Danke für Geschichten, die ein Lächeln auf das Gesicht zaubern.
Dankbar sind wir, dass ihr heil wieder zurückkommen konntet.
Ganz ganz viel Glück für die Reise nach Shanghai, die diesmal unter dem Aspekt des Arbeitens und Lebens in China steht.
Eure Geschichte geht weiter ...

20 Mai 2012 um 04:30
Niko schrieb:

Hallo Ihr Beiden,

wir haben uns vor eurer Reise in Frankfurt kennengelernt. Ich bin Reini's damaliger Mitbewohner.
Meine Freundin und ich haben letztes Jahr ein ähnliches Abenteuer erleben dürfen und sind in sechs Monaten einmal um die Welt. Eure Reiseberichte haben uns unglaublich viel geholfen einschätzen zu können was auf uns zukommen wird. Der ein oder andere Bericht war für uns eine gute Anregung was wir uns denn so anschauen könnten (z.B. San Blas).
Danke euch dafür!
Wir sind noch nicht ganz 50 Tage wieder zurück und ich muss sagen dass ich mich in eurer 100 Tage Bilanz absolut wiederfinden kann. Die Fragen scheinen wirklich immer die gleichen zu sein :) . Mittlerweile hat der Alltag uns wieder voll eingefangen und die Reise wirkt leider schon wie aus einer anderen Zeit.
Ich wünsche euch viel Glück und Gesundheit für eure weiteren Projekte!

Liebe Grüße
Niko

16 Juli 2012 um 11:18
KAIundNADJA schrieb:

Hallo Niko,

wir haben uns wahnsinnig doll über Deinen Eintrag gefreut. Es ist schön zu erfahren, wer alles unseren Blog gelesen hat.

Viel begeisterter sind wir natürlich über Euer Projekt der Weltreise und freuen uns, wenn Euch der ein oder andere Beitrag so manches Ziel schmackhaft machen konnte.

Wenn Du Lust hast, schreib uns doch mal, wo Ihr gewesen seid und wir Ihr die San Blas da unter bekommen habt (Mailadresse steht im Kopf). Wir würden uns freuen.

Wir wünschen Euch, dass Ihr Eure Reise noch lange im Herzen bewahrt und sie nicht im Alltag ersticken laßt. Das mag nicht so einfach sein. Aber zu zweit hat man den Vorteil, dass täglich wenigstens einer immer ein Stichwort, einen Ort, ein Gericht oder einen lustiges Ausspruch von Einheimischen von sich gibt und man durch gemeinsame Erlebnisse ein wenig in der Erinnerung weiter reisen kann.

Im Übrigen ist Shanghai gerade eine sehr gelungene Alternative für uns, um Arbeiten mit einer anderen Kulturen verbinden zu können. ;-)

Viele Grüße aus Shanghai
Kai und Nadja

19 Juli 2012 um 06:05

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