17 Januar 2012

Argentinien: Ushuaia, Valdez, Buenos Aires, Iguazu, Salta, Cafayate, Mendoza

Ushuaia
Ushuaia vor der Isla Navarino
Südfeuerland
Schafe auf Feuerland bei Tag...
...und Schafe auf Feuerland bei Nacht
Pinguinhöhlen bei Punta Tombo
Pinguine
Gesellige Pinguine
Warten auf...
...den patagonischen Sonnenuntergang
Ushuaia und das Ende der Welt bedeutete für uns auch den Anfang vom Ende unserer großen Reise. Einerseits großartig es bis hierher geschafft und einen Traum wirklich gemacht zu haben, andererseits machte sich auch ein kleines bisschen Wehmut breit bei dem Gedanken, dass unsere Tour tatsächlich irgendwann enden sollte. Dazu kam der Regen, der uns nur kurze Pausen ließ, um die südlichste Stadt unter die Lupe zu nehmen. Besonders spannend kann man sie eigentlich nicht nennen und aufgrund der Kreuzfahrtschiffe, die hier regelmäßig anlegen, besteht die Touristenmeile aus Juwelieren, teuren Boutiquen und Souvenirläden voller Kühlschrankmagneten und Tonpinguinen. Am Hafen klären große Schilder darüber auf, dass sowohl die Falklandinseln als auch ein Teil der Antarktis zu Argentinien gehören, genau wie auf allen offiziellen Karten eingetragen. Dabei gehört Argentinien zu den Erstunterzeichnern des Antarktisvertrags, der seit 1961 das Ruhen lassen der Gebietsansprüche und die ausschließlich friedliche Nutzung regelt. Trotzdem unterhält Argentinien mehrere Militärstützpunkte in der Antarktis. Die „Las Malvinas-son-Argentinas-Schilder“ am Straßenrand sollten uns im ganzen Land verfolgen. Nach zwei völlig verregneten Tagen in Ushuaia entschlossen wir uns zum Handeln und brachen den langen Weg nach Norden an.
Kaum hatten wir den bergigen Teil Feuerlands verlassen war der Himmel tiefblau und die Sonne brannte wieder auf die Schafweiden. Vor uns lagen gut 3000 Kilometer bis Buenos Aires. Die ersten Tage ging es dabei entlang der Atlantikküste über die schnurgerade Ruta 3 durch nicht enden wollende Pampa. Geröll, trockene Büsche, endlosen Zäune links und rechts der Straße, gelegentliche Guanakos und Nandus wurden unsere ständigen und einzigen Begleiter. Die Abwechselung bestand in den wenigen Lastwagen, die uns entgegen kamen und den damit verbundenen kurzen Unterbrechungen des unermüdlich starken patagonischen Windes. Auch die Eintönigkeit hat ihren Charme, allerdings nur eine gewisse Zeit, sodass wir froh waren am dritten Tag Punta Tombo, die größte Pinguinkolonie Argentiniens zu erreichen. 500.000 kleine befrackte Freunde sollen dort nisten. Da wir erst am späten Nachmittag eintrafen waren wir alleinige Gäste und kamen rechtzeitig zur allgemeinen abendlichen Aufbruchstimmung unter den Pinguinen, die den ganzen Tag über in ihren Höhlen gelegen hatten. So wurden wir Zeugen eines lustigen Schauspiels, in dem die schwarzweißen Kollegen scharen weise zu oder vom Meer watschelten, Zweige zur Nestausbesserung suchten oder mit ihrem Gezeter die Möwen vertrieben, die es auf die gut behüteten Eier abgesehen hatten. Nach einem Sonnenuntergang, der den Himmel in Flammen setzte, verbrachten wir eine einsame Nacht mitten in der Wildnis. Am nächsten Tag erreichten wir die Valdez Halbinsel auf der wir einige Tage verschnaufen wollten.
Wie die Pampa und die Ruta 3 ist auch die Atlantikküste Argentiniens eine nicht allzu aufregende und uniforme Angelegenheit. Die Valdez Halbinsel macht da keine Ausnahme. Ungeschickter Weise trafen wir an einem Samstag auf dem einzigen Campingplatz der Insel ein und da die Argentinier große Freunde des Campierens sind war der Platz voller Wochenendausflügler, die versuchten in kürzester Zeit möglichst viel Verwüstung anzurichten. Im Gegensatz zu den freundlichen aber zurückhaltenden Chilenen sind die Argentinier sehr von sich überzeugt und fallen schon von Weitem durch ihren ausgeprägten Autokult mit röhrendem Auspuff, dröhnender Diskomusik und Blasen werfender Fickfolie auf. Auch sind sie besonders gut darin auf Ausländer zu zu stürmen um ihnen die Vorzüge ihres Landes darzulegen. So lernten wir schnell die ein oder andere Großfamilie kennen, die im alten Mercedesbus unterwegs war und dem argentinischen Volkssport des Asado (Grillen) nachging. Findet man auf chilenischen Campern meist einfache Unterstände und Hütten, kann man darauf wetten, das ein argentinischer Zeltplatz übersät ist mit gemauerten Grillständen. Obwohl in jedem Laden Kohle angeboten wird haben wir niemals einen Argentinier über Kohle grillen sehen. Stattdessen wird fleißig Holz gesammelt, zur Not auch aus den ohnehin schon geplünderten Bäumen gerupft, um damit zunächst mal einen riesigen Scheiterhaufen aufzuschichten und zu entfachen. Nach ein bis zwei Stunden werden dann über der glühenden Holzkohle große fettige Fleischmassen vorzugsweise „vacio“ ausgebreitet, die stundenlang gegart werden. Vor 23:00 Uhr ist dabei nicht an Essen zu denken, dann aber sitzt die ganze Großfamilie vom kleinsten Kind bis zur Omi zusammen. Der Grilllust der Argentinier sind wohl auch die Schilder auf den Autobahnen zu verdanken die ab und zu verkünden: „Kein Feuer auf dem Mittelstreifen machen!“. Gleich darauf folgt meist der Hinweis „Schilder abreißen verboten!“. Dass der Geschmack der Argentinier für Rindfleisch nicht unbedingt unserem entspricht haben wir gemerkt als wir selbst „vacio“ zubereitet haben. Lecker aber sehr zäh. Sehr gut im europäischen Sinne ist das „bife de chorizo“ oder „bife de lomo“, die man statt mit dem Messer durchaus auch mit der Gabel gleich einem Pudding zerteilen kann. Im Zweifelsfall kauft man beim Metzger einfach das teuerste Fleisch, was für unsere Verhältnisse immer noch günstig ist.
Argentinische Estancia
Die argentinische Atlantikküste
Free Willy
Franca Austral Wale: Mutter und Kalb
Heckflosse
Robbendes Fett
Hungrige Orcas
Gefahr im Verzug
Ahnungslose Seeelefanten
Nachdem wir den Wochenendrummel überstanden hatten machten wir uns auf die Suche nach den Franca Austral Walen, die zu dieser Zeit mit ihrem Nachwuchs vor Valdez liegen sollten. Und tatsächlich konnten wir schon vom Strand einige der Riesen gar nicht so weit entfernt aus dem Wasser springen sehen! Auch wenn damit formal unser Etappenziel Wale zu sehen bereits erreicht war entschlossen wir uns an einer der Whale Watching Touren teilzunehmen. Wir hatten uns dazu den Montag Morgen ausgeguckt, in der Annahme es sei dann weniger Betrieb. Als wir uns als Erste in die Liste eintrugen und ich fragte, ob eine minimale Teilnehmerzahl notwendig wäre, lächelte man nur und kurz darauf bestiegen wir mit einer riesigen belgischen Rentnergruppe das Boot. In einer benachbarten Bucht tummelten sich paarweise jeweils Mutter und Kalb der gut 15 Meter langen Wale. Wir sahen zu, wie sich das Muttertier auf den Rücken legte und die Seitenflossen in die Luft streckte, um das Trinken des Kalbs zu kontrollieren oder durch langes Tauchen die Atmung des Jungtieres zu trainieren. Die ausgewachsenen Tiere sind riesig und es ist ein besonderes Erlebnis ihnen in die Augen zu sehen, wenn sie sich dem Boot bis auf wenige Zentimeter nähren, um dann doch darunter hindurch zu tauchen. Der amerikanische Walforscher, der die Tour leitete gab uns noch den Tipp, dass auf der anderen Seite der Insel eine Seeelefantenkolonie sei in der es gerade Nachwuchs gebe und dass dies der perfekte Zeitpunkt sei, um Orca Wale zu sehen, die sich bei Flut mit den Wellen an den Strand katapultieren lassen, um sich eines der befellten Fettbündel zu schnappen. Also fuhren wir am nächsten Tag quer über die Insel und installierten uns mit unseren Campingstühlen oberhalb der Seeelefanten. Belohnt wurden wir erst kurz nach der Ankunft am zweiten Tag als vor uns auf einmal fünf schwarze Rückenflossen auftauchten und das Rudel Orcas mit erstaunlicher Geschwindigkeit den Strand auf und ab patroullierte. Ein paar Mal kamen sie den ahnungslosen Opfern ganz schön nah, aber auf den Strand schafften sie es (leider) nicht, das Wasser war wohl nicht hoch genug, oder es war nur eine Übung für den Kleinsten im Bunde. Auf dem Rückweg fanden wir den Weg in die Bucht mit den Austral Walen, saßen zwei Stunden auf Blitz und den Klippen und sahen den Walen beim Springen zu. Beeindruckt und glücklich setzten wir am nächsten Tag unseren Weg fort.
Bis Buenos Aires war es nochmal ein Roadtrip von 1500 km, den wir in zwei Tagen zurück legten. Bei einem Zwischenstopp konnten wir südamerikanisches Gassi gehen beobachten. Auto kommt an, Hund wird am Anfang der Promenade raus geworfen und läuft dem Auto hinterher, um am Ende des Parkplatzes wieder eingeladen zu werden. Selbst im kleinsten Ort Argentiniens findet man am Ein- und Ausgang kleine Wachhäuser in denen gelangweilte Polizisten sitzen, die wahllos Verkehrskontrollen durchführen. Ist man mit einem ausländischen Kennzeichen ohnehin meist Ziel der Stichproben kommen im nördlichen Patagonien wie auch in ganz Nordargentinien ähnlich wie an den Landesgrenzen lästige Lebensmittelkontrollen hinzu. Dabei hat man keine Möglichkeit vorher heraus zu finden wo dies der Fall ist und was man nicht transportieren darf. So kann es passieren, dass man am Morgen einen Großeinkauf tätigt nur um am Nachmittag Fleisch und Obst abgenommen zu bekommen was ziemlich ärgerlich ist. Mit wieder zunehmender Zivilisationsdichte gingen wir also dazu über Wurst und Schinken in unseren Jackentaschen zu transportieren und Obst nur für den Tagesbedarf mit zu führen. Fuhren wir nun an viel mehr Dörfern oder Städten vorbei ging dies nicht etwa auch mit einer zunehmenden Urbanität einher. Wie im Süden fehlte offensichtlich jegliche Planung und oft wusste man nicht ob man den hässlichen und zersiedelten Industrieort schon wieder verlassen hatte oder gleich im Zentrum sein würde.
Frühling in Buenos Aires
Strassenszene in Buenos Aires
Argentinisches Cafe
El Caminito...
...in Buenos Aires
Matetöpfchen
Nicht mehr als drei!
Unsere erste Annäherung an Buenos Aires erfolgte über eine 14-spurige Stadtautobahn, die von einem brennenden Auto flankiert wurde. Ein Wink in dieser 13 Millionen Stadt wieder zu mehr Vorsicht zurück zu kehren als in den südlichen Pioniergebieten notwendig war. Wir ließen Blitz auf einem bewachten Parkplatz in Tigre zurück, da wir keine Lust hatten uns auch noch über die 18-spurige Avenida 9 de Julio im Zentrum zu quälen und verbrachten den ersten halben Tag mit Unterkunftssuche im Zentrum. Dass sich die Preise in Argentinien aufgrund einer sehr hohen Inflation in den letzten Jahren vervielfacht hatten und damit noch höher sind als in Chile wussten wir bereits, aber durchschnittlich 80 US$ für ein Doppelzimmer ohne Bad in einem dieser Superhostels im angeblich günstigen Buenos Aires hielten wir trotzdem für herzlich übertrieben. So kannten wir uns im Zentrum bereits bestens aus, als wir schließlich für die Hälfte in ein schönes altes Kolonialgebäude eincheckten. Buenos Aires hat wenig mit den anderen südamerikanischen Großstädten gemein und entspricht vielmehr dem Bild einer europäischen Metropole. Alte Blocks aus der Gründerzeit, eine Speicherstadt am alten Hafen und viele Stadtteile mit ganz unterschiedlichem Charakter vom Studentenviertel über Yuppie Hochburg bis zur alternativen Künstlerszene. Drumherum die sozialen Brennpunkte und Armenviertel aus denen Abends die Müllsammler die dunklen Gassen überfluten. Wir hatten uns für den zweiten Tag das hippe Alt Palermo und den Caminito mit seinen bunten Wellblechfassaden heraus gepickt, der ähnlich dem Künstlermarkt in San Telmo, auf dem wir den Nachmittag verbrachten, schon sehr Touristen orientiert ist. Dafür, dass wir uns nach der Einsamkeit der letzten Wochen gar nicht so richtig vorstellen konnten nochmal durch eine Großstadt zu streifen hat es uns aber trotzdem gut gefallen. Da die Diät der Argentinier übrigens im Wesentlichen aus Fleisch und Pommes besteht nutzten wir die Gelegenheit der Metropole gleich zweimal asiatisch Essen zu gehen. Tatsächlich war es uns an der Atlantikküste nicht möglich frischen Fisch zu finden und Salat oder überhaupt eine andere Beilage als Pommes ist selten. Und auch wenn man bei jeder Salami und jeden Schinken sicher sein kann, dass sie hervorragend schmecken, hing zumindest uns der Fleischtick der Argentinier schnell zum Hals raus.
Was das leibliche Wohlergehen angeht, darf das Ärgernis mit dem Flaschenpfand natürlich nicht verschwiegen werden. Dass Pfandflaschen inklusive Pfand billiger sind als Einwegflaschen und daher eher zum Wegwerfen als zum Recyclen verleiten ist eine Sache. Viel schlimmer ist aber, dass jeder Laden trotz der einheitlichen Liter großen Bierflaschen sein eigenes Konzept verfolgt. So wird das Pfand manchmal gegen Kassenbon aus dem selben Laden ausgezahlt, oft kann man nur leere Flaschen gegen volle tauschen oder auch nur gleiche Marke gegen gleiche Marke und grundsätzlich ist es unmöglich für fremd gekaufte Flaschen Pfand zurück zu bekommen. Der Höhepunkt war, als, ich eines Tages in einem Dorfladen stand und gar kein Bier kaufen konnte, weil ich keine leere Flasche zum Bezahlen des Pfands hatte. Auf die Frage woher die Argentinier ihre allererste Bierflasche bekommen und ob man sie ihnen schon in die Wiege legt, wusste der Kollege am Tresen aber auch keine Antwort.
Die argentinische Seite der Iguazu Fälle
Kai vor dem Teufelsschlund
Nadja vor den Wasserspielen
Auf der brasilianischen Seite der Iguazu Fälle
Diebischer Nasenbär
Argentinische Elster
Dass Touristen auf dem Weg zwischen Buenos Aires und den Iguazu Fällen immer mal wieder von der Polizei belästigt werden, hatten wir gehört. Da wir aber bis dahin keine Probleme hatten, kümmerten wir uns nicht weiter darum und gerieten folgerichtig zwei Stunden hinter der Hauptstadt in der Provinz Entre Rios in eine unangenehme Angelegenheit. Als wir am Straßenrand angehalten wurden und einer der Uniformträger um Blitz herum ging, um nach Anlässen für ein Bußgeld zu suchen, wollte man uns erst einmal Geld abnehmen, da wir kein Licht an hätten. Das schnelle Nachgeben ließ aber darauf schließen, dass die beiden wohl gesehen hatten, dass wir es erst ausgemacht hatten, nachdem wir zum Stehen gekommen waren. Sehr schnell eröffnete man uns aber dann, dass wir einen Aufkleber mit der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit nebst Reflektoren am Heck bräuchten und machte uns flugs eine Rechnung über 400 US$ Strafe auf. Da wir in dem Moment nicht wussten, ob wir die Kennzeichnungen wirklich brauchten, da vergleichbare Fahrzeuge auf dem Seitenstreifen die Dinger hatten, gingen wir wohl oder übel mit in den Polizeicontainer. Was wir definitiv wussten, dass ein solches Vergehen, wenn es denn eins war in Argentinien mit Sicherheit nicht soviel Geld kostet. In der Folge fragten wir unter Hinweis auf die vielen Kontrollen die wir bisher anstandslos passiert hatten nach dem Gesetz, gegen das wir angeblich verstoßen hatten. Nach zwanzig Minuten Blättern und Rauchen legte man uns eine Fotokopie eines Erlasses vor, in dem es um Fahrzeuge zum Transport von Waren und Personen ging. Als ich dem Uniformierten dann noch auf die Darstellungen von Reisebus und Laster ansprach wurde er ziemlich pampig und schickte uns zu seinem Chef. Der war gerade dabei unseren Strafzettel mit Siegel und Stempel auszudrucken. Nach einer wenig fruchtbaren Diskussion legte er uns die Papiere zur Unterschrift vor. Als wir ihm unmissverständlich sagten, wir werden weder etwas unterschreiben, noch etwas bezahlen bevor wir nicht das entsprechende Gesetz und den Bußgeldkatalog gesehen hätten, faltete er die Zettel zusammen und reichte uns mit einem „Buen Viaje“ (Gute Reise) die Hand. Wir kratzten die Kurve, bevor die Typen es sich anders überlegen konnten und waren den Rest des Tages ganz schön aufgebracht, wie dreist die Polizisten versucht hatten, uns zu bescheissen. Nicht auszudenken was dann alles auf höheren Ebenen passieren muss und außerdem bestürzend, dass dies ausgerechnet in Argentinien, dem vermeintlich zivilisiertesten Land Südamerikas passiert. In Peru oder Bolivien hätten wir eher damit gerechnet. Zumindest war es gut, dass wir uns für die Wir-sprechen-Spanisch-Taktik entschlossen hatten, sodass wir eine Menge unangenehmer Fragen stellen konnten. Bei mangelnder Verständigung halten die Ganoven wahrscheinlich einfach die Zulassung ein bis sie die Kohle kriegen.
Auf dem Weg in den Norden wurde es langsam tropisch und statt an Steinen und trockenen Büschen fuhren wir an Reisfeldern und Palmenwäldern vorbei. Konsequent für Argentinien änderte sich daran aber die nächsten anderthalb Tausend Kilometer auch nichts mehr. Als wir zum Übernachten einen schönen Baum hinter einer Tankstelle gefunden hatten und gerade bei unserem Zielbier saßen, empfahlen uns die Mitarbeiter der Tankstelle lieber in eine Art Carport direkt neben einem Wachhäuschen zu fahren, da es am Nachmittag eine Schießerei gegeben hätte. Anzeichen, dass wir nur noch wenige Kilometer von der brasilianischen Grenze entfernt waren? Wir sind jedenfalls sicher in Puerto Iguazu angekommen und fanden einen schönen Campingplatz mit Palmen und Pool, der allerdings auch von 36 Pesos laut Reiseführer (2010) auf 97 Pesos angezogen hatte. Wir hatten schon wieder vergessen, dass es Moskitos gibt nachdem es in den vergangenen Monaten einfach zu kalt dafür gewesen war. Dafür wurde Nadja gleich in der ersten Minute beim Aussteigen von einem exotischen Insekt in den Fuß gestochen, der seinerseits auf Fesselballongröße anschwoll, sodass wir unseren Besuch der Wasserfälle erst einmal verschieben mussten. Nachdem wir die Zwangspause mit Grillen und Schwimmen verbracht hatten, nahmen wir uns zwei Tage Zeit, um sowohl die argentinische als auch die brasilianische Seite der Iguazu Fälle zu besuchen. Beide sind bombastisch und läuft man in Argentinien auf, unter und über die Fälle, hat man in Brasilien ein sehr schönes Gesamtpanorama vor sich. Die Nasenbären, die unbedarften Touristen Kekse und Stullen aus den Taschen zogen, waren auf beiden Seiten zahlreich zur kurzweiligen Unterhaltung vorhanden.
Garganta del Diablo bei Salta
Zwischen Salta und Cafayate
Los Castillos
Cafayate
Weingut in Cafayate
Weinprobe bei 30 Grad Außentemperatur
Argentinische Folklore auf dem Marktplatz
Let oop, badenas!
Strassenbeschilderung in Argentinien
Thermen von Fiambala
Zurück in den Anden
Entlang der Ruta40
Die letzte Etappe
Unserer letzte richtig lange Argentinienetappe führte uns vom Nordostzipfel immer Richtung Westen, quer durch die Chaco Tiefebene. Die Bevölkerungsdichte nahm wieder stark ab und wenn wir in der subtropischen Tundra auf eine Siedlung stießen bestätigten die Lehm- und Bretterbuden, dass wir in einer der ärmsten Regionen des Landes unterwegs waren, die sehr viel mehr an Peru und Bolivien erinnerte, als an das weiter entwickelte Argentinien. Die Vegetation um uns herum steckte voller Tiere und neben riesigen Störchen sahen wir Anakondas, Alligatoren und Ameisenbären, allerdings meist überfahren am Wegesrand. Außerdem kehrte die Hitze zurück und wir wünschten uns zum ersten Mal ein Moskitonetz, um nachts die Tür des Busses auflassen zu können. Schlaflos und schwitzend in der Hitze blieb viel Zeit, das Reisen mit dem Auto zu reflektieren. Es ist wunderbar ganz individuell unterwegs zu sein, überall halten zu können und nicht an öffentlichen Transport und Abfahrtszeiten gebunden zu sein. Schön ist außerdem, unabhängig von den Unterkünften zu sein und statt lauten, feierorientierten Backpackern eine Menge interessanter Reisender mit ihren unterschiedlich abgefahrenen Fahrzeugen auf den Campingplätzen zu treffen. Allerdings muss man aufpassen nicht der Versuchung zu erliegen jede Straße und jedes Tal erkunden zu wollen, was leicht dazu führen kann, dass man die Reise im Wesentlichen im Sitzen verbringt, während wir mit dem Rucksack jeden Tag mehrere Stunden gelaufen sind, sei es nur um eine Stadt zu erkunden und auf dem Markt etwas zu essen zu finden. Schaut man bei der Reise hauptsächlich durch die Windschutzscheibe schafft man Distanz zwischen sich und den Einheimischen, verpasst die Begegnungen beim Einkaufen und Busfahren und isst nicht mehr gemeinsam in den kleinen Restaurants. Schließlich fallen die Ruhephasen zum Schlafen, Denken oder Reflektieren der letzten Erlebnisse bei den Busfahrten weg, da man sich auch als Beifahrer auf die schlechten Pisten und die Umgebung konzentriert. Für uns ist das Reisen mit dem eigenen Fahrzeug somit keineswegs der nächste Schritt nach dem Backpacking, sondern eine ganz andere Art zu reisen. Im Nachhinein sind wir froh nicht schon in Kolumbien einen Bus gekauft zu haben, da wir zu viel Kultur der Andenländer verpasst hätten. Für Chile und Argentinien, wo es sehr viel europäischer zugeht und die Attraktion vor allem die Landschaft ist, war es für uns die perfekte Art zu reisen.
Mit Salta erreichten wir eine der alten Kolonialstädte im Nordwesten Argentiniens und damit endlich wieder die Ausläufer der Anden. Hier trafen wir auch auf die beiden Schweizer Radfahrer Nadine und Gaetan, mit denen wir einige Zeit in Kirgistan verbracht hatten und über den Tourugart Pass nach China gereist waren und damit die einzigen Bekannten, die wir schon jenseits des Pazifiks getroffen hatten. Entsprechend groß war das Hallo und nachdem wir die wenigen alten Gebäude Saltas inspiziert hatten verbrachten wir Tage mit Erzählungen, Erfahrungsaustausch über die letzten anderthalb Jahre und Melonenbowle. Als wir Deutschland im April 2010 verließen mit dem Plan ein Jahr durch die Weltgeschichte zu reisen, wussten wir nicht ob wir nach ein paar Monaten das Bedürfnis haben würden wieder zu arbeiten oder ob uns das Reisen nach einem Jahr langweilen würde. Beides war nicht der Fall und auch nach anderthalb Jahren war die Begeisterung für neue Landschaften und Kulturen unvermindert. In Bolivien schließlich hatten wir erstmals das Gefühl lange genug auf Tuchfühlung mit der indigenen Bevölkerung gelebt zu haben und nach der bombastischen Carretera Austral fiel es uns schwer noch Begeisterung für die argentinischen Landschaften zu finden. Auch Buenos Aires konnte uns nicht mehr so richtig aus dem Häuschen locken. Kurzum, es machten sich nach zwanzig Monaten die ersten Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Dass es unseren radelnden Freunden, die nochmal ein Jahr länger als wir unterwegs waren ganz ähnlich ging, machte es uns leichter das nahende Ende unserer Tour zu akzeptieren. Dabei haben wir das gute Gefühl mit viel Muße eine wunderschöne Route in angemessener Zeit zurückgelegt zu haben und nicht wie viele andere, die hasteten und dabei weniger genießen konnten. Mit dieser Erkenntnis konnten wir den Weg über eine alte Bekannte die Ruta40 entlang der Anden nochmal besonders genießen. Vor allem Einsamkeit und Stille fanden wir als Abschluss zwischen den bizarren Felsformationen, die die Erosion im Laufe der Zeit in das bunte Gestein am Wegesrand gefressen hat. Und nachdem wir eine Weinprobe im gemütlichen Cafayate und ein paar Tage Entspannung in den abgelegenen Thermen von Fiambala genossen hatten, fiel es uns gar nicht mehr so schwer nach der Rückkehr über Mendoza in Santiago de Chile unseren Blitz nach drei tollen Monaten Roadtrip an ein Schweizer Paar zu verkaufen in dem Bewusstsein, dass zumindest er nun die Welt weiter entdecken würde, während wir uns auf die Heimreise machten.

Another job well done!
Nach 21 Monaten oder 629 Tagen in 30 Länder, nach 3.145 Litern Wasser, 1.258 Flaschen Bier, 943 Colas, mindestens 188kg Reis, ca.45.000 Buskilometern, ungefähr 25.000 Fotos und 459 Seiten Tagebuch landen wir mit zerschlissenen Kleidern am Leib und unendlich vielen wertvollen Eindrücken, Erfahrungen und Geschichten im Kopf unbeschwert und glücklich in Berlin.

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Kommentare

anne schrieb:

wunderschön...von den letzten unbeschwerten Tagen zu lesen.Was lesen wir demnächst????????
wie habt ihr die Bierflaschen gezählt?Noch dazu,wo es Probleme mit den Pfandflaschen gab.Daß ihr euch aus der Straßenbeschilderung heraus in die richtige Richtung begeben habt,grenzt an Wunder.Warum brauchen wir dann Navi,z.B. in Berlin?

18 Januar 2012 um 05:39
inge schrieb:

In die Begeisterung mischt sich ein Tropfen Wehmut: das war der letzte blog eurer wunderbaren Reise! Die Spannung , das Wundern, die Freude , das Schmunzeln, den leichten Schauder an manchen Stellen, das Entzücken über großartige Fotos ... - das alles werden wir vermissen.
Aber "live" erzählt kommt vieles auch bei uns in Erinnerung und erhält einen neuen Akzent.
Nach viele virtuellen Umarmungen ist es doch viel besser , euch wieder richtig in die Arme nehmen zu können ...
und irgendwann mal gibt es dann auch wieder einen neuen "blog".

18 Januar 2012 um 08:27
Luzfuz schrieb:

Ihr Lieben,

1.258 Flaschen Bier an 629 Tagen das sind ziemlich genau 2 Flaschen pro Tag, durch 2 Personen macht das eine Flasche pro Tag und pro Person. Da ich ja in eurer Abwesenheit arbeiten musste konnte ich ja an 5 von 7 Tagen nichts trinken also hätte ich an den übrigbleibenden 2 Tagen jeweils (5 * 1 (Ration Mo - Fr) + 2 * 1 (Ration Sa und So) = 7 Flaschen Bier pro Wochenende trinken müssen...Fazit: es wird wirklich Zeit, dass ihr wieder hier seid um diesen Schnitt zu schaffen!!! :-)

So toll dass ihr wieder da seid und dass ich dennoch diesen letzten Blogeintrag "gefunden" habe!!!

Bis BALD!
die fleißige Blogleserin LUZIE*

03 Februar 2012 um 01:37

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