25 November 2011

Chile: San Pedro, Santiago, Valparaiso, Seengebiet, Chiloe, Carretera Austral, Arg: El Chalten, El Calafate, Chile: Torres del Paine, Punta Arenas, Feuerland

3000m unter uns liegt die Zivilisation
Kirche in San Pedro de Atacama
San Pedro de Atacama
Antofagasta
La Portada bei Antofagasta
Nationalfeiertag im Park O Higgins in Santiago
Zwei Completos
Auf den Dächern von Santiago
Über den Wolken
Bunte Häuser in Valparaiso
Kunst in Valparaiso
Araukarienwälder im ersten Schnee
Araukarie
Schwarzkopfschafe im Seengebiet
Vulkan Villarica
Lago Panguipulli
Deutscher Ort Frutillar
Vulkan Osorno
Auffahrt zum Osorno
Blick in den Rückspiegel
Morgenstimmung
Boarden auf dem Vulkan Osorno
Die letzten Kilometer der Panamericana
Puerto Montt
Auf dem Fischmarkt in Puerto Montt
Fischerboote in Puerto Montt
Auf der Fähre nach Chiloe
Chiloes Küste
Fischerhütten auf Chiloe
Steilküste auf Chiloe
Chiloe
Ausblick von unserem Camping in Ancud
Pfahlhäuser in Castro
Leckere Lachsceviche
Auf dem Camper in Quellon
Blick aufs Festland über die Bucht von Quellon
Ein bisschen kamen wir uns vor wie bärtige Höhlenmenschen mit Fellen um die Lenden, die das erste Mal auf Zivilisation treffen, als wir mit einem blitzblanken klimatisierten Kleinbus fast dreitausend Höhenmeter von der bolivianisch-chilenischen Grenze hinunter nach San Pedro de Atacama gefahren waren. Hier fanden wir nicht nur Hippies, Aussteiger und viele europäische und amerikanische Touristen mit teuren Mietwagen sondern auch saubere Straßen, saubere Restaurants und saubere Klos. Fast ein Kulturschock und dann noch der Preisschock. Alles war um ein Vielfaches teurer als in Peru und Bolivien. Rückblickend war es der Ort mit der höchsten Touristendichte, den wir in Chile gefunden haben. Entsprechend verweilten wir nur zum Verschnaufen und fuhren zwei Tage später mit einem komfortablen, sinnvoll klimatisierten Bus, dessen Fahrer Anzug und Krawatte trug nach Antofagasta, um nach Monaten den Pazifik wieder zu sehen. Da auch diese komfortable Fahrt unsere Lust am Busfahren nach Bolivien nicht wieder erwecken konnte beschlossen wir kurzerhand uns selbst einen zu kaufen. Tatsächlich war die Idee schon etwas älter und das erste Mal haben wir ernsthaft nach einem Auto in Kolumbien geschielt. Grundsätzlich sind aber die Preise für Gebrauchtwagen in Südamerika sehr viel höher als in Europa und der günstigste Wagen, den wir in Kolumbien fanden war ein Renault 4 von 1977 für 4000 US$, der wahrscheinlich beim bloßen Anblick der Anden in seine Einzelteile zerfallen wäre. In Ecuador haben wir zumindest heraus bekommen, dass es als Ausländer möglich ist zu kaufen und zuzulassen, aber ob wir damit legal über die Nachbarländer hinaus reisen dürften, konnte uns niemand beantworten. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und da in Chile das Verfahren sehr einfach ist und unsere Busapathie aus Bolivien dazu kam, wollten wir es diesmal wissen. Antofagasta erschien uns als größte Stadt in Nordchile dafür der geeignete Ort. Gefunden haben wir nur einen hässlichen von Wüste umgebenen Industriehafen, der uns stark an die Küste Perus erinnerte. Also wollten wir schnell weiter, was uns zur Abwechselung durch das lange Wochenende aufgrund des Nationalfeiertags zunichte gemacht wurde. Wir nutzten die zwei Tage Wartezeit auf freie Sitzplätze im Bus damit, uns einen ersten Eindruck der chilenischen Kultur und des Essens zu verschaffen. Von Anfang an fühlten wir uns mehr in Europa, als in Südamerika, so groß ist der Unterschied im Lebensstandard zu den Nachbarländern. Auf einmal gab es große Supermärkte, Boutiquen, Fastfoodketten und in Santiago sogar eine Metro. Die Diät der Chilenen gleicht zunächst mal der der Nachbarn, man merkt aber schnell, dass der deutlich höhere Preis dafür mit einer vervielfachten Fleischmenge einhergeht und der Trend grundsätzlich dahingeht jede Möglichkeit zu nutzen ein riesiges Feuer zu entzünden, um ganze Fleischberge darauf zu grillen.
Trotz Verzögerung haben wir es mit unserer letzten Busfahrt in 18 Stunden geschafft pünktlich zum Nationalfeiertag am 18.September in Santiago de Chile zu sein. Den verbrachten wir zunächst mal in einem der großen Parks in Santiago, wo die zu solchen Anlässen übliche, langweilige Militärparade ablief. Der wahre Spaß fand auf der Wiese statt, wo hunderte Chilenen Drachen steigen ließen und mit den groben Schnüren versuchten die feindlichen Leinen zu kappen und die zugehörigen Drachen abstürzen zu lassen, die dann von marodierenden Kindern wieder eingesammelt und dem ewigen Kreislauf des Kaufs und Wiederverkaufs zugeführt wurden. Neben Chicha einem Maisgetränk mit getrockneten Pfirsichen lernten wir zwischen den Buden noch das heimliche chilenische Nationalgericht kennen. Hinter dem Completo verbirgt sich nichts anderes als ein Hotdog mit Avocadocreme, Mayo, Ketchup und Senf, der vorzugsweise an Tankstellen konsumiert wird. Abends hatte der Besitzer unseres kleinen Hostels mitten im Zentrum Freunde und Gäste zur Feier geladen und mit Chorizos, Rotwein und Livemusik schauten wir den Chilenen bei ihrem Volkstanz zu, bei dem die Tanzpartner mit farbigen Tüchern zu kommunizieren scheinen. Die folgenden Tage verbrachten wir mit Abklappern der Autohändler und als das nicht den gewünschten Erfolg brachte, suchten wir auf dem Privatmarkt nach Kleinbussen, was uns einerseits in die abgelegensten Winkel Santiagos brachte und andererseits hohe Anforderungen an unsere Sprachfähigkeiten stellte, da der Marktschreier oder Schrauber von nebenan, der seine Karre verhökern will nun mal das schäbigste Spanisch nuschelt, was zu haben ist. An den Abenden nutzen wir die ungewohnt gute Versorgung durch Zentralmarkt und mehrere Supermärkte, um uns durch alle erdenklichen Meeresfrüchte zu kochen und auf dem Dach des Hostels Rindfleisch und Wurstsortimente zu grillen. Dabei hatten wir auch Zeit endlich mal in Ruhe die Erdumlaufbahn zu studieren und zu verstehen, warum die Sonne hier tatsächlich durch den Norden läuft und man abends immer schneller als gedacht im Schatten sitzt.
Wir haben eine Woche gebraucht, um einen Bus zu finden, zu kaufen und anzumelden. Als das geschehen war und während wir auf die Papiere warteten nutzen wir das Wochenende, um unsere erste Fahrt quer durch Santiago zu bestreiten und in der offenen Tiefgarage eines Baumarktes ein Bett ins Auto zu zimmern. So wie das Sägen und Hämmern durch das Parkhaus schallte war es kein Wunder, dass in kurzer Zeit mehrere Sicherheitskräfte vor uns standen. Wir hatten uns schon gedacht, dass man uns wohl nicht lange dulden würde. Falsch, in der den Chilenen eigenen freundlichen und neugierigen Art wurden wir ausgefragt, was wir wohl täten, um uns dann eine schöne Reise zu wünschen und ab und zu ob des Fortschritts vorbei zu schauen. Selbst Chef höchstpersönlich kam im Golfcaddy vorgefahren, um uns kennen zu lernen. In der Dämmerung des Sonntag Abends waren wir fertig und rollten im Dunklen auf die Straße, um für eine letzte Nacht ins Hostel zurück zu kehren. Zack! Stromausfall ins ganz Santiago und noch ziemlich viel mehr von Chile. Südamerikanische Großstadt mit dem Auto, dunkel, kein Licht und keine Ampeln mehr. Erstaunlich, wie man es in so kurzer Zeit schaffen kann Kreuzungen so hoffnungslos zu verstopfen. Es half schließlich nur noch das Warten auf die Polizei, die die Verkehrsknoten mühsam auflösen konnte. Während in einigen Stadtteilen Santiagos munter geplündert wurde trafen wir auf dem Fußweg vorm Parkhaus in der dunklen Innenstadt zum Glück nur die friedlicheren Chilenen, die illegal auf Einkaufswagen grillten und munter verkauften. So kamen wir unerwartet sogar noch zu späten Hühnchenflügeln und Rinderherzen auf Spießchen. Für die Soße mussten wir allerdings hinter den Köchen her rennen, die bereits mit ihren mobilen Grills vor der nahenden Polizei flüchteten.
Am nächsten Tag war es endlich so weit, wir starteten mit Blitz, unserem eigenen Bus und nun Campervan, in den letzten Teil unserer großen Reise. Die Testrunde führte uns zunächst nach Valparaiso, dem ehemals wichtigen Hafen 120km von Santiago entfernt. Wie vielen der Hafenstädte Südamerikas wurde auch der Blütezeit Valparaisos durch die Öffnung des Panamakanals ein Ende gesetzt. Heute regiert hier vor allem hohe Arbeitslosigkeit. Aber beim Wandern durch die bunten Häuser und den Auf- und Abfahrten mit den alten Schrägaufzügen, die die verschiedenen Stadthügel miteinander verbinden, kann man sich ein gutes Bild vom vergangenen Wohlstand dieses Weltkulturerbes machen. Die erste Campingplatzsuche verlief dann wie viele folgende auch. Nach einer langen Fahrt durch Wald und über Schotterwege war der erste Platz geschlossen. Wir fuhren danach die Küste hinauf durch die schrecklichen Küstenorte Vina del Mar und Co, nur um bei der Suche nach dem zweiten Camper schließlich irgendwo im Feld zu stehen. Ein netter Anwohner erbot sich uns in seinem Auto vorweg fahrend den Weg zu weisen. Wenn wir dabei auf der Wiese oder im Wald endlich einen Fahrspur entdeckten ging es todsicher darüber hinweg mitten ins Gras oder die Pampa. Den zweiten Camper gab es gar nicht mehr und letztlich blieben wir die nächsten zwei Nächte für einen Freundschaftspreis in einer gemütlichen Maisonette-Holzhütte unseres Führers und konnten so in aller Ruhe mit der geliehenen Flex die letzten Anpassungen an Blitz vornehmen.
Um endlich mal Strecke zu machen, starteten wir über Santiago und die südlich davon liegenden Weinanbaugebiete durch und peilten das Seengebiet an, welches auch gerne chilenische Schweiz genannt wird. Tatsächlich trifft man aber statt Schweizer vor allem viele deutsche Auswanderer, die das Gebiet seit 1850 besiedelt haben. Regelmäßig sieht man hier Schilder wie „Zimmer frei“ oder „Strudel“ und Wörter wie „Kuchen“ und „Schoppen“ sind sogar in den chilenischen Sprachgebrauch über gegangen. Verlässt man die von gelben Blumen gesäumte Autobahn (Reparatur bedürftige deutsche Landstraße), auf der man in der Regel weder in der Windschutzscheibe noch im Rückspiegel ein anderes Auto sieht, dringt man ein in ein wunderbares Geflecht aus gelb blühenden Wiesen, grünen Wäldern, sanften Hügeln, blauen Seen und schneebedeckten Vulkanen. Auf Umwegen und mit Extrarunden haben wir Blitz auf Schotter erprobt, riesige Araukarienwälder entdeckt und eiskalte Nächte an abgelegenen Seen verbracht. Wie die vielen einsamen Dörfern erinnerte uns auch Panguipulli mit den bunten Holzhäusern noch irgendwie an skandinavische oder kanadische Holzfällerkultur, bis wir in Villarica und Pucon auf Zentren des innerchilenischen Tourismus trafen. Leider schloss das Skigebiet auf dem Vulkan Villarica an unserem Ankunftstag und wir mussten noch ein paar Tage warten, ehe wir unseren Plan auf einem südamerikanischen Vulkan zu Snowboarden nach Stippvisiten in den deutsch geprägten Siedlungen Frutillar und Puerto Varas in die Tat umsetzen konnten. Auf dem Vulkan Osorno waren wir vor einem tollen Andenpanorama fast allein über den Wolken.
Zurück auf der Panamericana stießen wir bis an deren Ende auf dem Festland vor. Statt einem vollen Goldtopf trafen wir hier aber nur auf die nicht gerade schöne Hafenstadt Puerto Montt, die zugleich Zentrum der chilenischen Zuchtlachsindustrie ist und in der es rund um die Uhr regnet. In den kurzen Pausen haben wir uns des Fischmarktes angenommen und uns um die Überfahrt nach Chiloe gekümmert, behindert von komischen Feiertagen, undurchsichtigen Öffnungszeiten und falschen Telefonnummern. Nach der kurzen Überfahrt auf die Insel Chiloe regnete es leider munter weiter. Für uns der erste ernst zu nehmende Regen seit Quito und eine wesentliche Beeinträchtigung unseres Wohlbefindens. Wir nutzen die Zeit um Gummistiefel zu finden und zu kaufen, nur um die nächsten Tage blauen Himmel und Sonnenschein zu haben. Auch gut. Chiloe ist hügelig, grün, hat eine schroffe Felsküste und erinnert an Irland. Die gelben Blumen am Straßenrand werden hier von orangefarbenen abgelöst. Dahinter liegen hölzerne Pfahlhäuser, einzigartige Holzkirchen und viel unerschlossene Wildnis. In der Hauptstadt Castro fanden wir großartige Lachs-Ceviche und am Südzipfel in Quellon frischen Lachs, der nur in Kilostücken zu vier Dollar verkauft wurde. Von einem wunderschön gelegenen Camper bewunderten wir beim Fisch Grillen die Vulkane auf dem Festland zu deren Füßen unser nächstes Ziel lag, zu dem uns das rote Schiff zwischen den vielen bunten Fischerbooten in der Bucht bringen sollte: die Carretera Austral.
Der Rest von Chaiten
Die Carretera Austral
Hängender Gletscher
Kalter Urwald
Blinder Passagier
Tal vor Coyhaique
Tal hinter Coyhaique
Lichtgestalt
Einsamer Reiter
Sumpflandschaft
Lago Carrera General
Die Marmorhöhlen bei Puerto Tranquilo
Noch mehr Marmorhöhlen
Marmorhöhle von innen
Marmorhöhle die letzte
Patagonischer Friedhof
Um den Lago Carrera
Laguna verde
Frühling in Chilechico
Zielbier am Strand von Chilechico
Ruta 40 in Argentinien
Schafe vor Anden
Das Tal der Hände
Die Höhle der Hände
Blitz am Haken
Hotel Olnie oder der Tittie Twister
Auf dem Weg zum Fitz Roy Massiv
Wanderung zum Cerro Torre
Cerro Torre
Frisch und Fit in Argentinien
Adlerportrait
Vorsicht vor dem patagonischen Wind
Gletscher Perrito Moreno
60m hohe Eiswand
Ein Hochhaus geht unter
Boot vor Gletscher
Landleben zwischen Puerto Natales und Torres del Paine
Guanakos im Torres del Paine
Patagonischer Nandu
Patagonischer Graufuchs
Vogelfrei im Torres del Paine
Patagonischer Gaucho
Salto Grande im Torres del Paine
Las Torres
Eine kalte Nacht im Zelt
Im Valle Frances
Karibik a la Patagonien
Mehr Wind
So ruhen die Reichen in Punta Arenas
So ruht der Normalbürger
Schon mal ein rostiges Haus gesehen?
Fähre nach Feuerland
Königspinguine auf Tierra del Fuego
Königliche Frackträger
Von vorne, von hinten und liegend
In Ushuaia
Am Ende der Welt
Im Gegensatz zur endlosen, planen Steppe des argentinischen Patagoniens besteht der chilenische Teil aus hohen Schneebergen, hängenden Gletschern, dichten Urwäldern und schmalen Tälern. Erst Anfang der Achtziger Jahre wurden die wenigen Siedlungen in diesem Pionierland durch das Militär auf Anweisung von Pinochet mit der Schotterpiste Carretera Austral verbunden und an die Außenwelt angeschlossen. Nachdem wir den Golf von Corcovado überquert hatten und statt Walen zumindest Delfine, Seelöwen und Pinguine im Kielwasser beobachten konnten, rollten wir auf der Suche nach einer Tankstelle durch die verlassenen Straßen von Chaiten. 2008 hatte der Ausbruch des gleichnamigen Vulkans es zu einer Geisterstadt gemacht. Die nicht von der Schlammlawine erfassten noch übrig gebliebenen aufgegebenen Häuser stecken in einer meterdicken Ascheschicht. Die nächsten Tage führte uns unser Weg langsam aber stetig durch und um Schlaglöcher jeden erdenklichen Ausmaßes in der ohnehin schlechten Piste. Belohnt wurden wir mit Einsamkeit, Landschaft und Tieren. Andenhirsche, Füchse und Kondore kreuzten regelmäßig unseren Weg während wir um Seen kurvten, Berge überquerten und Wanderungen in die Naturreservate unternahmen.
Die Provinzhauptstadt Coyhaique überraschte uns als Außenposten der Zivilisation hinter einer Biegung. Hier konnten wir unserer Vorräte auffüllen und wichtiger, endlich unseren Original Fahrzeugbrief, das Padron, per Luftpost aus Santiago empfangen, ohne den wir nämlich nicht so ohne weiteres nach Argentinien kommen würden. Dazu brauchten wir noch eine Versicherung und da der Online Abschluss auf Chiloe nicht geklappt hatte, versuchten wir es nun im Mapfre Versicherungsbüro. Zwei umfangreich aufgetakelte Damen und ein umfangreicher Herr saßen jeweils hinter einem Computer und wir mussten gar nicht erst auf den Bildschirm sehen, um zu wissen, dass hier den Großteil des Tages vor allem auf Facebook gearbeitet wurde. Wir entschieden uns für den goldenen Mittelweg und fragten die Gute nach der Autoversicherung für Argentinien. Mit weit geöffneten Augen starrte sie uns entsetzt an, als wären wir völlig wahnsinnig und meinte Autoversicherungen hätten sie nicht. Als wir auf das Pappschild vor ihr tippten, auf dem „Versicherungen für Argentinien“ inklusiv Preis stand, schaltete sich Chef von links ein und gab ihr ein paar Anweisungen. Die Antwort lautete, das System gehe gerade nicht, wir sollten später wieder kommen. Das tat ich und da auch am Nachmittag das System nicht ging versuchte Madame es über eine Internetmaske, was zunächst daran scheiterte, dass sie nicht in der Lage war meine Kreditkartennummer richtig einzugeben. Als auch dieses System verweigerte vertagten wir alles auf den nächsten Tag. An diesem um zehn Uhr morgens hatte sie schon mindestens eine Stunde soziale Netzwerke hinter sich, aber weder heraus gefunden, dass das System immer noch nicht ging, noch sich um ein in Gang bringen bemüht. Da wir wohl langsam lästig wurden verwies man uns kurzerhand zur Konkurrenz um die Ecke. Dort konnten wir tatsächlich in einem winzigen Büro, in das unsere Eltern uns sicher nicht gelassen hätten, hinter zugeklebtem Schaufenster eine Police abschließen, nachdem Chef selbst im Einfinger System unsere Daten eingegeben hatte. Einerseits beneiden wir ja die Südamerikaner um ihre entspannte Art zu arbeiten, andererseits treibt einen die Ineffizienz und Naivität auch mal schnell zur Weißglut. Am besten wäre das tägliche südamerikanische Arbeitspensum in europäischer Manier zu erledigen, dann könnten man leicht vor Mittag wieder im Bett liegen. Da Chile und Argentinien oft so europäisch wirken, nimmt man gerne leichthin an, das alles auch mit der europäischen Effizienz funktioniert. Das ist ein eklatanter Irrtum und man wird ganz schnell daran erinnert, dass man immer noch in Südamerika ist.
Hatte uns der nördliche Teil der Carretera Austral schon sehr gut gefallen konnte der südliche Abschnitt nochmal ordentlich eins drauf setzen und dazu noch mit sehr viel besserem Wetter glänzen. Ab Coyhaique änderte sich die Landschaft fast mit jeder Biegung. Auf zackige Felsformationen folgten bunte Mooslandschaften, abgestorbene Wälder und steile mit Wasserfällen gespickte Täler bis schließlich der Lago Carrera General als zweitgrößter See Südamerikas vor uns lag. Bei fast zwei Meter hohen Wellen schipperten wir in einem winzigen Boot über tiefblaues Wasser und durch bizarr ausgewaschene Felshöhlen bevor wir von Puerto Tranquilo die Umrundung angingen. Unsere Ausdauer auf der schlechtesten Piste wurde durch die landschaftlich schönste Strecke zwischen Schneebergen, Inseln und türkisem Wasser mit Blick auf das nordpatagonische Eisfeld mehr als belohnt. Den letzten Abschnitt der Carretera Austral bis Villa O Higgings verschmähten wir, da er leider für Fahrzeuge keinen Anschluss an Argentinien bietet und somit für uns eine Sackgasse gewesen wäre. Stattdessen entschieden wir uns für den Grenzübergang am Lago Carrera General und nahmen unser abendliches Zielbier am Seeufer in Chilechico ein.
Die erste Grenzüberquerung mit Auto klappte tadellos, nachdem sowohl die Chilenen, als auch die Argentinier endlich überzeugt waren, dass wir Besitzer des Fahrzeugs sind. Ein bisschen lästig sind die Lebensmittelkontrollen, da man auch mit viel Phantasie anhand der Aushänge nicht unbedingt versteht, was zugelassen ist und was nicht. So gibt man hier mal den Knoblauch und dort die Süßkartoffel ab und fragt sich ob die Zöllner vielleicht nach Nahrungsergänzung suchen. Kaum in Argentinien lässt man die Anden im Rückspiegel zurück und rollt in die weiten Ebenen Patagoniens voller Nichts hinein. Die Chilenen hatten uns schon vorher gesagt, dass es dort nichts gibt, aber wir wollten eben genau dieses Nichts sehen. Wie die Carretera Austral in Chile verläuft auch in Argentinien eine Schotterpiste entlang der Anden, die Ruta 40. Auf dieser machten wir uns auf den langen Weg in den Süden und fanden erstaunlich viele Farben in der Steppe und irre Wolkengebilde darüber. Dazwischen tauchten nun die wilden Guanacos, die größeren Brüder der Vicunas und somit auch Kleinkamele in großer Zahl auf und die ersten Strauße reckten ihre kahlen Hälse über die Zäune, die auf ewig den Weg an beiden Seiten säumen. Ein Abstecher führte uns in ein grünes Tal, den ein Fluss im Laufe der Zeit in die Ebene gegraben hat. Unter Überhängen der Felswände haben sich das erste Mal vor neuntausend Jahren die einstigen Besitzer verewigt indem sie ein Gemisch aus Mineralien und Speichel oder Blut durch einen Knochen über ihre Hand bliesen. Neben den vielen Händen finden sich vor allem Zeichnungen von Guanacos und man kann sich gut vorstellen, wie einst in dieser Wildnis kleine Gruppen von Jägern auf der Suche nach Beute umherzogen.
Wir hatten schon in Perito Moreno in Erfahrung gebracht, dass es in Bajo Caracoles wie von unserer Karte angezeigt eine Tankstelle gab, um die Durststrecke bis Tres Lagos zu überstehen. Das Problem dabei war aber, dass die Tankstelle leer und der Tankwart voll war. Ob wir es nicht noch die 350km nach Tres Lagos schaffen würden? Von zwei Bauern in einem rostigen Pickup erfuhr ich auf die Frage nach „Gasolina“, dass es 30km weiter in Rio Olnie ein Camp der Straßenbaufirma gebe, die Sprit hätten. Zuversichtlich, da sich hier oft Dinge fügen, die man zu Hause nicht erwarten würde sprachen wir dort beim Chef vor und er überließ uns gnädiger Weise zwanzig Liter „Gasoil“ mit denen wir es zur nächsten Tankstelle schaffen würden. Daß jedes südamerikanische Land sein eigenes Spanisch spricht, ist ja nicht neu und das chilenische „Gasolina“ ist nun mal kaum von einem genuschelten „Gasoil“ zu unterscheiden. Spätestens als ich noch übervorsichtig nach der Oktanzahl fragte, hätte einer der drei beteiligten Argentinier etwas merken sollen, anstatt den Daumen zu heben. Daß man uns gerade zwanzig Liter Diesel in unseren Benziner geschüttet hatte, merkten wir dann nach den ersten hundert Metern. SCHEISSE! Das hätten wir zu Hause auch nicht erwartet!
Natürlich gab es im Camp keinen Automechaniker und schließlich fanden wir auf der anderen Straßenseite ein von Truckfahrern besetztes „Hotel“, das dem Tittie Twister in nichts nachstand. In der ehemaligen Empfangshalle wurden ganze Bäume in einem alten Ölfass verbrannt, sodass man bei 40 Grad oben ohne um den improvisierten Ofen saß, Brot darauf backte und den obligatorischen Mate herum gehen ließ. Nachdem wir Blitz mit einem der Trucks auf den Hof geschleppt hatten, haben wir einen durchaus unterhaltsamen Abend mit den Jungs gehabt. Unser Glück im Unglück war, dass sie einerseits Schrauber vorm Herrn waren und andererseits am morgigen freien Sonntag im nächsten Kaff (sprich 150km weiter) einkaufen wollten. Irgendwie haben sie es dort geschafft das Geld, was wir Ihnen gegeben haben, nicht zu vertrinken und zu verhuren, sondern dafür Benzin, was in Argentinien übrigens „Nafta“ heißt, aus irgendeiner Hehlerei zu organisieren. Nach drei Stunden Frickelei war unser Tank gesäubert, die Leitungen durchgeblasen und Blitz wieder fit. Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen und als unsere Truckerfreunde daran gingen das Schaf zu killen, welches sie vom Restgeld gekauft hatten waren wir glücklich wieder auf dem Weg.
Wir waren froh in Tres Lagos nach hunderten Kilometern Schotter endlich wieder Asphalt unter die Räder zu bekommen und unbeschwert fuhren wir entlang des Lago Viedma auf die eindrucksvolle Kulisse des Fitz Roy Massivs zu. Wir haben uns in El Chalten im nördlichen Teil des Nationalparks Los Glaciares einige Tage aufgehalten und ein kleines Wanderparadies gefunden. Neben dem Bergensemble, das nach Darwins Kapitän benannt wurde, staunten wir über den Cerro Torre, der hinter einer Lagune in der kleine Eisberge schwimmen, wie ein Finger senkrecht in den Himmel ragt. El Calafate am Lago Argentino ist nicht mehr als der Zugang zum südlichen Teil des gleichen Nationalparks und damit zum Gletscher Perito Moreno. Nach einer weiteren Stunde Fahrt standen wir vor der kolossalen, fünf Kilometer breiten und sechzig Meter hohen Gletscherzunge, die sich unter lauten Krachen und Quietschen ganz langsam in den See schiebt. Der Perito Moreno gehört zu den wenigen Gletscher, die wachsen und alle paar Jahre schiebt er sich so weit vor, dass ein Teil des Lago Argentinos von ihm abgetrennt wird, bis der steigende Wasserpegel schließlich den Gletscher in einer gewaltigen Eisexplosion wieder weg sprengt. Das haben wir leider nicht gesehen, die Eiswand hat sich aber mittlerweile schon sehr nah an den Besucherbereich heran geschoben und wir konnten mit ansehen wie ein circa zwanzig mal dreißig Meter großer Eisberg abbrach und unter Ohren betäubendem Donner in den See stürzte. Nach deutschen Vorschriften wäre er mit mehr als 23m locker als Hochhaus durchgegangen!
Der lange Weg Richtung Süden führte uns schließlich zurück nach Chile und wieder über Schotter hinein in Südamerikas angeblich schönsten Nationalpark: Torres del Paine. 180.000 Hektar voller blauer Lagunen und karger Steppe in deren Zentrum sich die „blauen Türme“ wie Säulen über zweitausend Meter in die Höhe schieben. Wir sind mit Blitz durch den riesigen Park gefahren und so auch in abgelegenere Teile gekommen in denen zu unserer Überraschung eine erstaunlich Anzahl von Tieren unterwegs waren. Wir kamen uns wie auf einer Safari vor als riesige Herden von Guanacos um uns herum galoppierten, Gruppen von Straußen auf dem nächsten Hügel vorbei liefen hinter dem Flamingos in einem See standen und Fuchs und Kondor sich regelmäßig die Ehre gaben. Um bei unberechenbaren Wetter nicht zelten zu müssen sind wir den klassischen W-Trek in drei Tageswanderungen gelaufen und haben neben dem Mirador Las Torres und dem Grey Gletscher auch das Valle Frances mit seinem Rundum Blick erobert. Das schönste Panorama haben wir allerdings auf der Südseite des Lago Pehoe gefunden. Mit Sicherheit ein sehr schöner Park, wobei wir gerade vom Fitz Roy kommend den Hype nicht ganz nachvollziehen konnten und uns gar nicht vorstellen wollen, wie voll es zur Hochsaison wird, wenn schon Anfang November viel los war.
Puerto Natales, Zugang zum Park und Ziel der Fähren die von Puerto Montt durch die chilenischen Fjorde navigieren, besuchten wir nur um unserer Vorräte aufzufrischen und starteten dann durch nach Punta Arenas. Im 19. Jahrhundert als Stützpunkt und Strafkolonie gegründet entwickelte es sich dank der strategisch wichtigen Lage an der Magellanstraße schnell zu einer wichtigen Hafenstadt. Hier hielten auch Auswandererschiffe auf dem Weg nach Kalifornien und aufgrund des Schafbooms in Patagonien siedelten sich Auswanderer aus ganz Europa an. Wandert man durch das überschaubare Zentrum lassen sich noch deutsche, kroatische, englische und schweizerische Namen auf Schildern finden. Vereint sind sie alle auf dem wirklich schönen Friedhof, wo kleine Kathedralen über den Gräbern in der englischen Ecke stehen und Miniaturburgen über den Gräbern auf dem schottischen Gottesacker.
In Punta Arenas haben wir übrigens einen großartigen Elektriker gefunden. Als wir ihm sagten, wir wollten unsere Alarmanlage deaktivieren, rupfte er einen Kabelbaum unter dem Armaturenbrett hervor und ehe wir eingreifen konnten fing er an wahllos Kabel durch zu kneifen, um zu sehen, ob dies zum gewünschten Ziel führe. Tat es, allerdings erst spät. Die anderen Kabel wurden fachmännisch wieder zusammen gedreht und abgeklebt.
Am nächsten Tag rollten wir mal wieder auf eine Fähre und überquerten in zweieinhalb Stunden die Magellanstraße bevor wir endlich Fuß auf Tierra del Fuego, Feuerland, setzten. Zu dem Name ließ sich Magellan bei seiner Durchsegelung der Meerenge von den vielen kleinen Feuern der Ureinwohner am Ufer inspirieren. Für uns ist Feuerland das Land des blaueren Wassers, der grüneren Wiesen und der weißeren Wolken. Unser Weg führte uns über Porvenir entlang der Bahia Inutil, der Unnütz-Bucht, zwischen Wasser und Weiden nach Osten. Dank eines guten Tipps fanden wir südlich von Onaisin tatsächlich eine Kolonie von derzeit fünfundzwanzig Königspinguinen, denen wir gebannt zwei Stunden beim Sonnen, Kabbeln und Watscheln zusahen. Die nördliche Hälfte Feuerlands ist plan und karg und besteht im Wesentlichen aus Büschen und Schafen. Um auf die argentinische Südseite zu gelangen, verließen wir Chile für vorerst längere Zeit ein letztes Mal.
Für uns war die Reise von Nord nach Süd durch dieses nur 180km breite, dafür aber 4300km lange Land mit seiner Vielfalt von Wüste, Weinbauregionen, Seengebiet, Vulkanen, Chiloe, Carretera Austral, Patagonien und Feuerland unglaublich abwechslungsreich und ist für uns der Südamerika Landschaftstipp. Ist das noch nicht genug tragen die bescheidenen, sympathischen Chilenen mit ihrer Freundlichkeit und immer währenden Hilfsbereitschaft entscheidend dazu bei, ihr Land zu einem echten Highlight zu machen.
Auf der argentinischen Seite Feuerlands wurde die ewige Steppe plötzlich durch dichte Wälder und schneebedeckte Berge abgelöst über die schwarze Wolken prasselnden Regen ausschütteten. Als der Nebel sich endlich teilte sahen wir am Rande des Beagle-Kanals vor der Kulisse der Darwin Kordillere schließlich die weltweit südlichste Stadt Ushuaia vor uns liegen.
Wir hatten das Ende der Welt erreicht!

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Kommentare

Nicole in Stgo schrieb:

bei so vielen schönen Worten von Euch bleibt mir nur: sehr schön! So ist´s, Chile und auch der Süden von Argentina. Bin gespannt auf Euren Bericht über das NAchbarland, welches ich auch schon von oben bis unten bereiste. Gute Fahrt,bis bald in Stgo wieder!
Nicole

26 November 2011 um 05:07
Glück Auf Knecht! schrieb:

tren del fin del mundo.
fin del viaje.

INOCIO DE LA VUELTA!!!! JUHUUU!!
Haut rein!

01 Dezember 2011 um 05:18
Inge schrieb:

Nach einem guten (dem vorletzten!) Elternsprechtag habe ich eben in aller Ruhe euren wunderbaren Bericht mit den unglaublichen Fotos genossen. Als eingeschworene Campingbegeisterte bekommt man riesig Lust euren Wegen zu folgen. Es ist auch kaum zu glauben, dass es immer wieder neue Höhepunkte gibt. Welch ein Glück, dass ihr eure Reise bis zum "Ende der Welt" verlängert habt.

01 Dezember 2011 um 09:18

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