27 September 2011

Bolivien: Coroico, La Paz, Chochabamba, Samaipata, Valle Grande, Villa Serrano, Sucre, Potosi, Uyuni

Mittach aus der Schubkarre
La Paz
La Paz bei Nacht
Altherrenclub in La Paz
Lammkeule
Suppenfrühstück auf dem Markt
Valle de la Luna
Valle de la Luna - Detail
La Paz Downtown
Bolivianische Strickereien
Schrumpflamas
Ärger?
Strassenstand in La Paz
Bananen heissen hier Platanos
Nickerchen
Splash!
Melonen
Hutmode von Europa für Bolivien
Die Königskordillere
Tiwanaku
Tiwanaku Headmuseum
Neues Kloster in altem Grundriss in Cochabamba
Jesus im Rock
Heute mal Täubchen
Strohhüte
Markt in Cliza
Portrait in Cliza
Unter Riesenfarnen
Einmal im Jahr gibt es neue Blätter
Mirador
El Fuerte
Bus auf Bolivianisch
El Comandante Che Guevara
Die drittletzte Ruhestätte
Wen Ihr die Freiheit töten wollt
Tag des Fussgängers
Spinnen
Tempel in Sucre
Sucre
Die fällige Parade
Auch in Bolivien gibt es Handys
Korblawine in Sucre
Markt in Sucre
Kai und Kürbis
Wackelpeter?
Oder lieber eine Torte?
Potosi vor dem Cerro Rico
Altstadt von Potosi
Zwischen Potosi und Uyuni
Mag man lange Busfahrten nicht, so sollte man nicht nach Bolivien reisen. Soviel können wir sagen. Nachdem wir die Anfangshürde des ersten Streiks in Chive ja mit nur fünf Stunden Wartezeit gut genommen hatten und die zehn und zwölf Stunden nach Riberalta und Cobija ohne größere Zwischenfälle verlaufen waren, sollte es uns auf dem Weg von Rurrenabaque nach Coroico um so schlimmer treffen. Das Drama begann damit, dass für die Distanz von circa 320 km planmäßig schon 18 Stunden veranschlagt wurden (rechne, rechne.. 18 km pro Stunde??? Unmöglich?? Abwarten!). Normalerweise machen wir keine Nachtfahrten, da wir wir keinen Zeitdruck haben und gerne die Landschaft sehen möchten, durch die wir fahren. Nebenbei minimiert man dabei auch das Überfall- sowie das Einschlafrisiko des Fahrers. Mit 18 Stunden ist aber die kritische Masse erreicht, die eine ausschließliche Tagfahrt unmöglich macht. Also entschieden wir uns für den Bus um zehn Uhr Abends, der folglich gegen vier Uhr Nachmittags am nächsten Tag in Coroico ankommen sollte. Die Mädels am Busterminal, welches nur aus ein paar Holzhütten besteht, versicherten uns beim Kauf der Tickets mehrfach, dass ausreichend Plätze vorhanden seien und wir auf jeden Fall nebeneinander sitzen könnten.
Für den ungeübten Südamerika- und auch Asienreisenden sei hier darauf hingewiesen, dass Dienstleister einem im Sinne eines winkenden Verkaufs alles erzählen werden, was man hören will. Dabei gibt es auch so lustige Situation wie: Nadja fragt auf Grund ihrer Laktoseintoleranz, ob die Suppe mit Milch oder Sahne sei, worauf sie prompt die Antwort bekommt: Natürlich! Nachdem sie dann erwidert, sie könne aber keine Milch konsumieren, ist die Suppe auf einmal frei von allem, was jemals eine Kuh zu Gesicht bekommen hat. Besonders nervig muss dass für die Vegetarier sein, die regelmäßig trotz Nachfragen fleischhaltige, „vegetarische“ Gerichte vorgesetzt bekommen. Wir haben nicht wenige getroffen, die durch das längere Reisen zwangsläufig wieder wenigstens zu gelegentlichen Carnivoren geworden sind.
Nachdem wir also den Abend damit verbracht hatten, uns in der „Hora Feliz“ (Happy Hour) der Moskito Bar möglichst viele Cocktails hinter zu helfen, um ein Schlafen im Bus zu begünstigen und wir die ersten zwei Stunden jedoch vergeblich auf diesen gewartet hatten, waren dann folgerichtig viel zu wenig freie Plätze im Bus von Cobija nach La Paz vorhanden, geschweige denn in gegenseitiger Nähe. Am Ende des Gerangels und Gekreisches hatten wir zumindest zwei Sitze, wenn auch getrennt, während einige andere trotz Tickets wieder aussteigen mussten. Die Gesamtfahrzeit von Cobija nach La Paz beträgt 48h und der Großteil der Fahrgäste saß nun schon 24h im Bus. Wenn man weiß, dass eine Horde bolivianischer Bauern nur zwei oder drei Stunden braucht, um einen Bus völlig zu ruinieren, die Luft mit Viren zu verseuchen, den Boden flächendeckend mit Essensresten zu belegen und sich das Gehirn durch die Nase auszuschneutzen, um es an die Gardinen zu schmieren, mag man sich kaum vorstellen wie dieser nach einem vollen Tag ausgesehen hat. Unnötig zu sagen, dass das Klo wie üblich verschlossen war. Nadja spricht hier immer von Menschen unwürdigen Zuständen. Aber wir sind ja selbst Schuld. Niemand zwingt uns dazu uns den kulturellen Errungenschaften fremder Völker auszusetzen. Die lässt das nämlich völlig kalt, statt dessen wird lauthals bis in die tiefe Nacht über die besten Arten Pollo zuzubereiten diskutiert. Das Ergebnis war übrigens erstaunlicherweise nicht frittieren, sondern über dem Holzfeuer drehen.
Nachdem wir die Nacht mehr schlecht als recht überstanden hatten und uns ein Desayuno completo (Instantkaffee, Reis, Fleisch und Kochbanane) beim ersten kurzen Stop erkämpft hatten, konnten wir durch die beschlagenen Scheiben erahnen, wie wir uns über die nach wie vor geschotterte Fahrbahn an den steilen Hängen der Yungas hoch mühten. Die Yungas sind der Übergang vom Amazonas Tiefland zu den Anden Kordilleren und erstrecken sich über viele verschiedene Mikroklimas und eine besondere Artenvielfalt zwischen 1000m und 3000m Höhe. Die steilen Hänge sind dabei dicht bewaldet und beherbergen ein dünnes Netz extrem gefährlicher Pisten, die ohne Sicherungsmaßnahmen in fast senkrechte Hänge gegraben sind. So reicht oft ein heftiger Regen, um bestenfalls einen Teil des Berges auf die Straße oder schlechtestenfalls einen Teil der Straße ins Tal rutschen zu lassen. Uns betraf zum Glück nur ersteres, dafür gleich mehrfach. Im Verlauf des Tages standen wir nun viermal statt vor einer Straßenblockade vor Baustellen, um dort je nach Gusto der „Hombres Trabajando“ eine halbe oder zwei Stunden zu warten. Der gewitzte Bolivianer macht dabei schnell die Not zur Tugend und so wurden wir während der Zwangspausen von emsigen Frauen mit Schubkarren umschwärmt, aus denen Füllhornmäßig alles vom Maisgetränk bis zum gebratenen Fisch verkauft wurde. Nur das Bier, was wir uns mittlerweile innig wünschten gab es nicht. So schauten wir eben zur Abwechselung zu, wie unsere Mitreisenden ihren Plastikmüll anstatt aus dem Fenster des fahrenden Busses direkt in die einzigartige Wildnis um uns herum warfen. Im Dunkeln erreichten wir endlich Yolosa, wo die Asphaltstraße (!) nach La Paz beginnt und damit den Abzweig nach Coroico. Alle Busse halten hier nochmal vor dem Endspurt über das steilste Stück und so umgab uns der aus Peru altbekannte, strenge Uringeruch beim Warten auf einen Anschluss. Zwanzig Minuten später, nach einer halsbrecherischen Fahrt durch die in Dunkelheit getauchten Berge, auf der Ladefläche eines Pickups erreichten wir endlich nach fast 24h erschöpft unser Ziel (mit durchschnittlichen 13,3 km pro Stunde und in einer Zeitspanne, die einen Flug von Frankfurt über Madrid nach La Paz deutlich übersteigt). Außer von der schönen Lage auf einem Bergrücken und einer Wanderung durch die umliegenden Kokafelder samt Plausch mit deren Bestellern bleibt aus Coroico eigentlich nur vom hervorragenden deutschen Sauerbraten mit Spätzle zu berichten, mit dem wir uns von den Strapazen kuriert haben. Die knapp drei Stunden bis La Paz legten wir zwei Tage später mit einem komfortablen Colectivo über unseren ersten Asphalt in Bolivien und durch eine eindrucksvolle Andenkulisse zurück.
Fährt man oben auf dem Altiplano in den Canyon hinein, der von La Paz ausgefüllt wird, bekommt man den Eindruck, als hätte der liebe Gott anderthalb Millionen Häuschen aus einem Würfelbecher hinein geschüttet. Soweit das Auge reicht klammern sich Hütten und Schuppen an die Berghänge, wälzen sich Betonklötze ins Tal und behaupten sich die Hochhäuser im Zentrum der Bauwerke, die gegen ihre Fundamente prallen. Schön ist sie nicht, die Stadt des Friedens, aber taucht man einmal in ihre Eingeweide ab, gibt es an jeder Straßenecke etwas zu entdecken, probieren oder fotografieren. Besonders befremdend sind die ganzen Herden getrockneter Lamaföten und -babys, die uns an den Ecken des Hexenmarktes anstarrten. Die Bolivianer vergraben sie für das große Glück im Garten. Das Straßenbild wird von den bolivianischen Indigenen dominiert, die 80% der Bevölkerung ausmachen, das ist südamerikanischer Rekord. Vor allem die Frauen mit den Schürzen über den dicken Bäuchen und den bunten Tüchern um die Schulter, in denen entweder Waren zum verhökern von der Tonnage ein oder zweier Zementsäcke stecken, oder ein Kleinkind, dem fortwährend über die Schulter Suppe oder Coca Cola in den Mund eingeflößt wird. Die Trachten sind übrigens angeblich den Kleidern der reichen Spanierinnen des 17ten Jahrhunderts nachempfunden. Und als ein cleverer europäischer Hutfabrikant an diesen mit seinen Melonen scheiterte, verkaufte er sie kurzerhand an die einfache Bolivianerin mit dem Vorwand, dass alle Frauen in Europa diese tragen würden. Zumindest in Bolivien sind sie auch heute noch der letzte Schrei.
Instinktiv haben wir gleich am ersten Abend einen Altherrenclub, versteckt in einem schönen kolonialen Haus gefunden, wo die Karte ausschließlich aus Alkohol und Lammgerichten bestand. Nach dem besten, größten und günstigsten Lamm kehrten wir in den Tagen unseres La Paz Zwangsaufenthalts noch mehrmals zurück, um zu essen, zu trinken und uns mit den würfelnden und Anzug tragenden Großvätern anzufreunden, bei denen die ersten Touristen in ihrem Stammlokal umfangreiches Interesse, sei es nur zum Anstoßen, weckten.
Warum Zwangsaufenthalt? Dafür gab es mehrere Gründe: Leider hatte Nadja mit den verschiedensten gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Nachdem wir schon fast sicher waren, die Andenländer ohne größeren Zwischenfall durchreisen zu können, schlug auch noch der Kleinkriminelle zu. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle ließen wir an Nadjas Geburtstag zum ersten Mal seit langem alle unsere Wertgegenstände im Hotelzimmer liegen. Genau an diesem Tag in einem Zeitfenster von zwei Stunden wurden in unserer Unterkunft von einem anderen Gast mehrere Zimmer aufgebrochen und ausgeräumt. Das hat uns das Laptop und beide Kameras gekostet und gesund gemacht hat es Nadja natürlich auch nicht. Irgendwie erinnerte es uns an ein Wochenende vor einigen Jahren, an dem wir auf dem Weg nach Holland in meiner fünfzehn jährigen Autofahrkarriere zum ersten Mal abgeschleppt werden mußten und der zweite Anlauf mit einem zweiten Auto wieder nicht klappte und wir wieder zurück nach Deutschland abgeschleppt wurden. Kurzum: die Moral war am Boden und zum ersten Mal auf dieser Reise kamen Gedanken an den Abbruch auf. Glücklicherweise beschränkte sich der ideelle Verlust Dank unserer Sicherheitskopien nur auf einen Teil der Fotos seit Cusco und einige Einträge in unserem Tagebuch während der finanzielle Verlust Dank unserer Versicherungspolice eingeschränkt war. Während der Neubeschaffung lernten wir dann einen Menge dunkler Ecken von La Paz kennen, konnten aber schließlich Computer und Kameras ersetzen. Dass der Diebstahl in La Paz geschah, ist dabei fast Glück im Unglück, da dort wenigstens alles nur eine Preisfrage ist. Nadjas Kamera, die in Guatemala zielsicher in die einzige Pfütze weit und breit fiel konnten wir zum Beispiel erst in Panama City ersetzen konnten, da nur niedrige Qualität zu hohen Preisen zu bekommen war. Auch wenn wir so nicht mehr ganz unbeschadet in Südamerika sind, sind wir nicht mit Messer oder Pistole überfallen, nicht mit dem Taxi entführt worden und nicht mit dem Bus in eine Schlucht gestürzt. Also alles halb so wild.
Die Zeit der Genesung nutzten wir soweit es ging, etwas von der Umgebung kennenzulernen. Während Nadja noch im Bett lag, ließ ich mich mit einer Gruppe Fahrradfahrer auf den 4800m hohen Pass bei La Cumbre hochfahren, um dann auf der anderen Seite die 3000 Höhenmeter über die alte Straße nach Coroico wieder hinunter zu fahren. Der Titel „the world's most dangerous road“ rührt dabei noch aus den Zeiten vor der neuen Straße, als sämtlicher Verkehr zwischen La Paz und dem Dschungel sich über diese gerade mal drei Meter breite Piste entlang senkrechter Felswände wälzte und mit erschreckender Regelmäßigkeit LKWs oder vollbesetzte Busse im Abgrund verschwanden. Heute wird die Route fast ausschließlich von Fahrradfahrer als Downhillstrecke genutzt, ist landschaftlich ein Traum und bei verantwortungsvollem Fahren ungefährlich. Wer sich jedoch überschätzt, nicht schwindelfrei ist, oder an einer ungünstigen Kurve mit zu viel Geschwindigkeit einem der wenigen Fahrzeuge begegnet, die diesen Weg noch fahren, der kann schon mal über die ungesicherte Absturzkante hinaus und dann im freien Fall mehr als hundert Meter in die Tiefe stürzen.
Die größte Gefahr auf der ersten Stadtrundfahrt unserer Reise erwartete uns in Form der durchhängenden Stromleitungen über den Straßen La Paz, die den unaufmerksamen Fotografen im offenen Doppeldecker mal schnell elektrisieren oder von den Beinen reißen können. Vom Hocker gerissen wiederum hat uns stattdessen das Valle de la Luna, bizarre Sandsteinformationen, durch Erosion entstanden, konzentriert im Süden der Stadt, aber auch überall an der Peripherie zu finden. Bei der schlechten Audioshow im Bus haben wir zumindest erfahren, dass in zweihundert Jahren in Bolivien insgesamt 87 Präsidenten am Werke waren, die sich zum überwiegenden Teil an die Macht geputscht haben. Die kürzeste Amtszeit betrug dabei sechs Stunden und einmal waren drei Präsidenten gleichzeitig im Amt. Kein Wunder, dass es das Land bisher nicht weit gebracht hat und das ärmste in Südamerika ist, obwohl es über beträchtliche Bodenschätze verfügt. Bevor wir La Paz schließlich doch noch verließen, statteten wir der archäologischen Stätte Tiwanaku, nahe dem bolivianischen Teils des Titicacasees einen Besuch ab. Der beeindruckendste Teil war dabei wohl die Fahrt im Colectivo über das Altiplano vorbei an der Cordillera Real, der schneebedeckten Königskordillere. Die präkolumbianische Anlage besteht aus mehreren Plattformen und Pyramiden und weiß vor allem mit ihren großen Statuen und Steinköpfen zu fesseln.
Uyuni
Skalpiert in Uyuni
Endzeitstimmung
Vamos a Chile!
Vicunas
Salzabraum
Salar de Uyuni
Isla Incahuasi
Salz
Mehr Salz
Lieber bestohlen werden!
Lamas...
...sind auch nur Menschen
Bonnie und Clyde
Samba uf dem Vulkan
Bolivien unplugged!
Schneeberge
Die erste Lagune
Flamingos am Horizont
Sprachlos!
Vulkane wohin das Auge blickt
Steinmännchen
Eis und Fels
Steinbaum
Laguna colorada
Flamingos
Nur Gras
Geysire
Morgens auf 4900m
Heiss!
Scheisskalt!
Road to nowhere
Heisse Quellen
Dali?
Farben
Eines Tages wird das alles uns gehören
Bolivianisch Chilenische Grenze
Unser letzter bolivianischer Bus
Da uns unserer Gastmutter beim Einchecken nach unserer Andean Immigration Card gefragt hat, die wir bei der dubiosen Einreise in Puerto Heath offensichtlich nicht bekommen hatten, entschlossen wir uns am letzten Tag vor unserer Abreise aus La Paz doch noch dazu die Migracion aufzusuchen. Dort machte man erst einmal ein großes Spiel darum, warum wir nicht sofort gekommen seien. Dann wollte man Geld von uns sehen. Wir haben uns stur gestellt und da wir keine günstige Gelegenheit zum Abhauen gefunden haben, ließen wir uns eben zum Vorgesetzten durchreichen. Kurz danach hatten wir einen druckfrischen Einreisestempel, nebst zugehöriger Karte im Pass und durften ohne Strafe unseres Weges ziehen. Dass der Aufwand sich gelohnt hat erfuhren wir später von Nick und Alayna, die mit uns von Peru durch den Dschungel gekommen waren. Sie hatten bei der Ausreise von Bolivien nach Argentinien einen Riesenärger und mussten schließlich jeder fünfzig Dollar Bußgeld berappen.
Dass die Busfahrten in Bolivien ein Dauerbrenner waren, wisst Ihr ja schon. Als wir bei Abreise aus La Paz morgens am Terminal in einen Bus nach Cochabamba steigen wollten, erfuhren wir, dass an diesem Tag ein Autorennen stattfand und zwar auf der öffentlichen Straße, die somit bis vier Uhr nachmittags gesperrt war. Entsprechend langweilten wir uns ein paar Stunden, um dann auch noch im Dunkeln an unserem Ziel vor einem bereits geschlossenen Busbahnhof auf die Straße gekehrt zu werden, das Gespräch der beiden Bolivianer hinter uns, dass nächtliches Taxifahren ja so gefährlich sei, noch im Ohr. Da hilft nur, sich auf seine Menschenkenntnis zu verlassen und den ältesten Fahrer zu wählen. Der war glücklicherweise harmlos und ganz eifrig dabei, sein gesammeltes Wissen über Deutschland, was vor allem das Oktoberfest betraf, an den Mann bringen zu können. Fragt man die Bolivianer nach Cochabamba, ist es für sie die Stadt mit besonders gutem Essen. Seltsamerweise fanden wir aber nur die üblichen uniformen Menüs vor und als wir ganz schön heftig mit Rinderzunge und Kaninchen in scharfer Soße vollgestopft waren, dämmerte uns, dass man hier mit gut eigentlich viel meinte. Lohnenswert fanden wir den Besuch im Kloster Santa Teresa, dass ähnlich einer Miniaturausgabe der Anlage in Arequipa 1640 gegründet wurde und erst zum Teil seit 2005 für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Wie in Lateinamerika üblich erlag die erste Kirche einem Erdbeben. Wäre man bei Vollendung der folgenden neuen Außenmauern, die im Grundriss eine Blüte beschreiben, technisch in der Lage gewesen diese auch zu überwölben und hätte man man dem geplanten Zentralbau stattdessen nicht einfach ein konventionelles Längsschiff eingeschrieben, würde diese Kathedrale heute zweifelsohne zu den eindrucksvollsten Südamerikas gehören. Innenausstattung und viele der Möbel sind seit der Gründung unverändert in Gebrauch. Zu den Besonderheiten gehören die Bilder, die von europäisch geschulten Indigenen angefertigt wurde, leicht daran zu erkennen, dass lokale Motive in die religiösen Gemälde einflossen. So trägt der Jesus am Kreuz eben auch mal einen Rock.
Auf dem Sonntagsmarkt im nahen Cliza fanden wir die größten Kürbisse, die meisten Kartoffelsorten und den besten Orangensaft der Reise, bevor wir weiter nach Samaipata fuhren. Diesmal sollte die Busfahrt acht Stunden über die alte Straße Richtung Santa Cruz führen. Daraus wurden schließlich zwölf Stunden über eine steinige Trasse. Wünscht man sich ohnehin schon, dass die blutjungen Mütter ihren Kindern etwas mehr Aufmerksamkeit schenken würden, anstatt sich fortwährend mit ihren Handys zu beschäftigen, verflucht man sie, wenn die gelangweilten Kids dann den anderen Fahrgästen zum Zeitvertreib auf der Nase herum tanzen. Das kleine Dörfchen Samaipata besteht etwa zur Hälfte aus Ausländern, die alle eine Unterkunft, ein Restaurant oder ein Reisebüro betreiben. Zwei Gehstunden entfernt liegt El Fuerte, eine präkolumbianische Festung und später der östlichste Inkaposten erhaben auf einem Bergrücken. Spannender fanden wir unsere Wanderung mit einem Biologen durch einen der letzten Nebelwälder Südamerikas. Wir ließen uns erklären, dass sich die Anden aus dem Meer hoben, als sich die Nascaplatte unter die Südamerikanische schob. So entstanden im Westen der Titicacasee und im Osten die steilen Berghänge, die nun zu hoch für die großen Pflanzenfresser der Zeit waren, die ins Amazonasgebiet abwanderten. Seiner natürlichen Feinde beraubt, sind Teile dieser prähistorischen Wälder bis heute erhalten. Und so ließen wir uns staunend die ältesten Pflanzen der Erde zeigen, spürten Andentukanen nach und konnten kaum glauben, dass die Riesenfarne über tausend Jahre alt sein sollten.
Da wir die Buslektion immer noch nicht gelernt hatten, überlegten wir, dass es eine gute Idee sei auf unkonventionellen Weg nach Sucre zu reisen (Merke: ist es nicht!). Wir legten also zunächst ein paar Stunden Holperei nach Valle Grande zurück. Hier wurde Che Guevara nach seiner Hinrichtung durch das bolivianische Militär im Jahr 1967 der Öffentlichkeit zur Schau gestellt. Die Waschtische auf denen er aufgebahrt wurde sind heute noch zu sehen und das kleine Häuschen ist inzwischen zu einem Wallfahrtsort geworden. Irgendwie brachten wir dann in Erfahrung, dass es tatsächlich einen Bus durch die Berge Richtung Sucre gab auf den wir an der Tankstelle außerhalb des Ortes warten sollten. Leider war der voll, aber da der Busfahrer meinte, im nächsten Ort würden viele aussteigen, fuhren wir trotzdem mit. Es stieg natürlich niemand aus und letztlich verbrachten wir die nächsten sieben Stunden auf steiler, extrem kurviger und geschotterter Bergstraße im Stehen. Völlig erschöpft übernachteten wir in Villa Serrano, um am nächsten Tag weiter zum Sonntagsmarkt nach Tarabuco und schließlich nach Sucre zu fahren. Am frühen Morgen teilte man uns dann mit, dass Tag des Fußgängers sei und bis Mittag keine Busse und auch sonst keine Fahrzeuge fahren würden. Ernsthaft: Tag des Fußgängers? In Bolivien? Wir haben es mit tricksen und bestechen versucht. Nichts zu machen. Lediglich die Polizei drehte ihre Runden, um das Fahrverbot durchzusetzen. Somit ging der Sonntagsmarkt ohne uns vorüber und als wir am Nachmittag endlich einen Bus fanden hielt dieser auf dem Weg nach Sucre noch zweimal wegen Straßenblockaden.
Sucre ist offiziell Hauptstadt Boliviens. Außer dem obersten Gerichtshof befinden sich aber alle Regierungseinrichtungen in La Paz. Dafür erhält Sucre von den Bolivianer das Prädikat der schönsten Stadt mit ihren zahlreichen weißen Kolonialgebäuden und dem milden Klima auf für die bolivianische Verhältnisse gemäßigten knapp 3000 Höhenmetern. Wie schon üblich koinzidierte unsere Ankunft in einer größeren südamerikanischen Stadt mal wieder mit einer Parade, diesmal zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe. Zur Vorbereitung auf die Bergbaustadt Potosi, unser nächstes Ziel, sahen wir uns den Film „Devil's Miner“ an. Am Beispiel eines vierzehn jährigen Jungen wird gezeigt unter welchen Bedingungen im Cerro Rico, dem „reichen Berg“, der die Stadt überragt, seit über 400 Jahren in mehr als 500 Minen vor allem Silber abgebaut wird. Angeblich ließen unter spanischer Zwangsarbeit acht Millionen Indigene ihr Leben in den Minen und auch jetzt beträgt die durchschnittliche verbleibende Lebenserwartung bei Arbeitsbeginn nur zehn Jahre. Da die Macht des katholischen Gottes, den die Arbeiter an der Oberfläche anbeten, nicht in die Tiefe des Berges reicht, opfern sie unter Tage zu ihrem Schutz dem Teufel Alkohol, Zigaretten und Cocablätter. Dessen Name lautet hier „Tio“, dem spanischen Wort „Dios“ für Gott und dem Mangel des Buchstaben D im Aymara Alphabet geschuldet. Zur Blütezeit war Potosi die reichste Stadt weltweit und mit den vielen erhaltenen Villen und Handelshäusern ist dessen Innenstadt heute wie auch Sucres Weltkulturerbe. Nebenbei ist Potosi auf 4070m die höchstgelegene und vermutlich auch kälteste Stadt der Welt. Zum Glück hatten wir hier das erste Mal auf unserer Reise ein beheiztes Zimmer!
Die schließlich letzte Busfahrt in Bolivien sollte uns nach Uyuni bringen und wie um uns zur Rückkehr aufzufordern verlief diesmal alles reibungslos und wir erreichten sogar in weniger als den angegebenen sechs Stunden den Außenposten am Rand der größten Salzwüste der Welt. Uyuni ist kalt, grell und trostlos. Nachdem wir einen Jeep für eine Tour durch die Salar de Uyuni und den Nationalpark Eduardo Avaroa gefunden hatten, der uns nach drei Tagen an der Grenze zu Chile absetzen würde, verkrochen wir uns unter einem Berg Decken, um den Morgen abzuwarten. War Uyuni deprimierend ging es mit Endzeitstimmung auf dem Zugfriedhof gleich außerhalb weiter. Nach den Kakteen bestandenen Inseln, in der surrealen weißen Ebene, die die Salzwüste ist, ging es in den nächsten Tagen vorbei an bizarren Felsformationen, rauchenden Kratern, irre gefärbten Lagunen, hunderten von Flamingos, haushohen Geysiren und vielen schneebedeckten Vulkanen. Für uns war Bolivien ein weniger entwickeltes Peru, dass dadurch durchaus seinen eigenen Reiz hat, für uns aber auch anstrengend und ohne richtige Highlights war. Die Expedition durch die extraterrestrisch anmutenden Landschaften im Südwestzipfel des Landes gehört aber zweifelsohne zu den Höhepunkten unserer Reise und lässt sich ohne viele Worte am besten an den Bildern nachvollziehen.

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Kommentare

anne schrieb:

schön,daß ihr euren Humor beibehalten habt und weiterhin zu begeistern seid.Es ist erstaunlich,daß es immer noch Wunder gibt,die ihr noch nicht kennt und dies zu Sprachlosigkeit führt.Die Fotos sind aber auch wieder verdammt gut.(und das mit neuer kamera..)

27 September 2011 um 08:42
blubalubabdodidu schrieb:

checked

28 September 2011 um 05:25
schlesi resi schrieb:

Wann kommt schönes neues Eintrag?

26 Oktober 2011 um 09:58
Luzfuz schrieb:

EINEN Monat ist es schon her, dass ich hier Neuigkeiten aufgesogen habe. Tse Tse Tse ;-)

P.S.: Also das mit dem zurück kommen bevor es kalt wird ... macht 'n Haken dran, schon passiert! ;-)

Küsse aus Bööööörlin!

26 Oktober 2011 um 11:57

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