07 Juni 2011

Ecuador: Otavalo, Quito, Latacunga, Saquisili, Zumbahua, Quilotoa, Chugchilan, Banos, Guaranda, Salinas, Riobamba, Macas, Cuenca

Tiermarkt in Otavalo
Seilverkäuferinnen
Gassi gehen
Guter Deal!
Neue und alte Freunde
Drei Frauen
Cowgirl und Bohnensäcke
Wie wär's mit Mais...
...oder Bohnen?
Ein Glas Gelatine bitte!
Raubkopien
Hahnenkampfarena
Noch trocken vor dem Fuya Fuya
„Imaynalla?“. In der alten Inkasprache Quechua, die immer noch von einem Großteil der Indigenen, die immerhin 25% der Bevölkerung Ecuadors ausmachen gesprochen wird, bedeutet dies soviel wie „Que tal?“ im Spanischen oder „Wie gehts?“ auf Deutsch. Nachdem wir das Spanisch Lernen mittlerweile erfolgreich abgeschlossen haben (Ha, ha!) und uns somit der nächsten Sprache zuwenden können, sind wir zumindest in der Lage den Menschen im ecuadorianischen Hochland mit „Allinllam!“ - „Todo bien“ - „Alles bestens!“ zu begegnen. Mir fallen viele Namen für dieses kleine, aber unglaublich abwechslungsreiche Andenland ein: Land der Vulkane, Land der Wolken oder Land der Hüte. Am besten trifft es aber Land der Märkte. In jedem größeren Ort findet einmal in der Woche ein großer Bazar statt, zu dem die Bauern und Hirten der umliegenden Dörfer kommen, um ihre Ernte und Tiere zu verkaufen und sich ihrerseits mit Gummistiefeln, Macheten, Körben und Tupperware einzudecken. Dabei tragen die unterschiedlichen Volksgruppen je nach Region ihre ganz eigene Tracht, die meistens einen gemusterten Poncho, eine bunte Hose oder Rock und immer eine spezielle Kopfbedeckung einschließt, die manchmal nur entfernt an einen Hut erinnert. Darunter lassen sich oft geflochtene Zöpfe, Goldketten und bunte Tücher, in denen kleine Kinder mit roten Bäckchen schlummern, entdecken. Kurzum, der beste Weg die Einwohner kennenzulernen ist auch in diesem Land die Märkte zu besuchen.
Und genau das haben wir als erstes in Otavalo getan, nachdem wir problemlos von Kolumbien die Grenze überquert hatten und rechtzeitig zum Samstagsmarkt eintrafen. Neben mehreren Straßen in der Innenstadt, die mit Kunsthandwerk und Essensständen vollgestopft waren, war für uns der etwas außerhalb liegende Tiermarkt besonders interessant. Tatsächlich war es der erste nennenswerte Tiermarkt, den wir seit Kashgar in Westchina gefunden haben, was möglicherweise daran liegt, dass es im Gegensatz zu den Großgrundbesitzern in Zentralamerika hier erstmals wieder viele Kleinbauern mit eigenem Land gibt. In Sektionen geordnet wird in Otavalo alles verkauft was irgendwie als Nutz-, Haus-, oder Speisetier durchgeht. Angefangen von Kühen, Schafen, Eseln und Pferden gibt es Schweine, Ziegen, Lamas, Katzen, Hunde und Hühner bis hin zu Kaninchen und Meerschweinchen. Nach dem obligatorischen Feilschen kann man dann die glücklichen Käufer beobachten, die sich mit dem neuen Kätzchen anfreunden oder sich diebisch über einen guten Deal für zwei Hühner freuen.
Eine weitere gute Möglichkeit Einblicke in die Landeskultur zu bekommen haben wir in der gut versteckten Hahnenkampfarena gefunden. Da seit zehn Uhr morgens ein Kampf auf den anderen folgte und wir erst mit Einbruch der Dunkelheit auf den Plan traten, war ein beträchtlicher Anteil der Besucher bereits betrunken von den Rängen gefallen, sodass wir ausreichend Platz in der stickigen Halle fanden. Nach dem ersten Bier hatten wir bereits mehrere ecuadorianische Freunde, die uns enthusiastisch über die Feinheiten der Galleros unterrichteten und uns Insidertipps unterbreiteten wie im Nebenzimmer am Tisch die passenden Kontrahenten gefunden werden und wie man schon vor dem Kampf fast sicher sein kann, wer gewinnt. Nadja hat dieses Geheimwissen gleich dazu eingesetzt ihre erste und einzige Geldwette zu gewinnen! Gewettet hat sie gegen den Mann, der ihr die Geheimtipps preisgegeben hat. Möglich werden solche besonderen Erfahrungen mit den Einheimischen durch unsere zwar zugegebenermaßen noch nicht ganz perfekten Kenntnisse der Landessprache. Es ist jedoch einfach ein riesiger Vorteil, dass in fast ganz Mittel- und Südamerika Spanisch gesprochen wird. Vergleichbare Begegnungen in Asien abseits der Touristenpfade haben aufgrund der meist schwierigen Verständigung oft eine ganz andere Qualität.
Unsere Abschlussunternehmung in Otavalo war die Besteigung des Fuya Fuya. Unternommen haben wir den Aufstieg von der Mojanda Lagune, die umringt von Bergen idyllisch inmitten des für das Andenhochland typischen Paramo-Grasslandes liegt. Für uns beide war es der erste Aufstieg auf über viertausend Meter und entsprechend langsam ging es bergauf, was zum Teil aber auch an der dauerhaften Unterhaltung mit unserem Herbergsvater Dennis lag, der uns zur Lagune gefahren hatte und sich nun als kenntnisreicher Führer anbot. Kurzatmig und mit Kopfschmerzen erreichten wir den Gipfel auf 4263 Metern, um noch einen Blick von oben auf die Lagune zu erheischen, bevor wir von Wolken in dicke Watte gepackt wurden. Beim Essen unserer Bananen sagte uns Dennis es sei halb so wild, oft würde es hier oben auch hageln. Fünf Minuten später schlugen die ersten Eiskörner um uns herum ein und wir traten im Sturm mit Eis und Regen den rutschigen Rückweg an. Ohne matschige Rutschpartie schaffte es keiner von uns nach unten und zurück im sonnigen Otavalo sahen wir ein bisschen aus wie Schlammcatcher.
Quito
Kälberhintern
Mitkommen!
Ferkelei
Schweinerei I
Schweinerei II
Schweinerei Deluxe
Sit in
Reifenrecycling
Cuy- bzw. Meerschweinchenhandel
Mehr Meerschweinchen
Gegenüber der Größe Kolumbiens wird uns Ecuadors beschränkte Ausdehnung in Gestalt von nur kurzen Busreisen zum Vorteil. Innerhalb von zwei Stunden erreichten wir die höchst gelegene Hauptstadt der Welt: Quito. Endlose kleine graue Häuschen branden die Hügel um das alte Zentrum hoch und darüber hinweg. Hier verließ uns das bisher ausgezeichnete Wetter seit 14 Monaten und die fast schon üblichen Organisationstage in der Hauptstadt regnete es praktisch durch. Alle Einwohner bestätigten uns zudem, dass der April der regenreichste Monat wäre. Das hat uns die Entscheidung, für zwei Wochen in die Sonne und auf die Galapagos Inseln zu fliehen, leicht gemacht. Ganz planmäßig setzten wir bei unserer Rückkehr in der Sonne auf, die uns dann auch für die nächste Zeit begleiten sollte. Bei bestem Wetter haben wir die schöne Altstadt Quitos besichtigt. Die Kathedrale von der man eine großartige Sicht über das historische Zentrum und die Umgebung hat musste ich alleine besteigen, da Nadja die Kletterpartie zu Schwindel erregend war. Leider sind wir vor selbiger Kirche Zeugen eines brutalen Überfalls geworden. Zu wissen, dass solche Übergriffe passieren ist ein Ding, daneben zu stehen ein anderes. Da wir mit unserem Programm in Quito ohnehin durch waren, beschlossen wir die Briefe, auf die wir warteten, später abzuholen und machten uns auf den Weg nach Latacunga, dass für uns Sprungbrett zu den Dörfern in der Umgebung und die Quilotoa-Lagune sein sollte. Als erstes machten wir allerdings einen Exkurs in die landestypischen Spezialitäten. Nach einem süßen Brötchen mit heißen Pflaumen und Käse auf dem sehr sehenswerten Marktplatz gab es Abends Seco de Chivo, ein Eintopf aus Ziegenfleisch, der aber mittlerweile meistens aus Schaf zubereitet wird. Am nächsten Morgen aßen wir Encebollado, eine Fischsuppe auf Tomatenbasis mit Koriander und rohen Zwiebeln, in die man Limetten presst und ein Töpfchen mit gerösteten Maiskörnen, Patacones und Popcorn leert. Wer mir vor einem Jahr erzählt hätte, dass Fischsuppe mal mein bevorzugtes Frühstück sein wird, den hätte ich für verrückt erklärt. Gleichzeitig haben wir so nebenbei unseren Popcornkonsum zu Lebzeiten mindestens verzehnfacht. Weitere kulinarische Besonderheiten haben wir auf den Märkten von Saquisili und Zumbahua, die beide vor schneebedeckten Gipfeln stattfinden, entdeckt. Geröstete Schweineköpfe werden hier in Reih und Glied aufgebaut um dann einen bunten Mix von inneren und äußeren Extremitäten in eine Schale mit Mote (dicke, weiche Maiskörner) zu säbeln. In der Deluxe-Variante kommt noch eine Kelle Fritada, geschmorte Schweineinnereien dazu. Sind nur noch die Schädel übrig, kann man mit einer traditionellen Locro-Kartoffelsuppe, garniert mit Blutwurst auch eine etwas verträglichere Pansenvariante wählen. Obwohl wir seit Mexiko meistens größere Distanz zu Magen- und Darmteilen im Essen gehalten haben, fanden wir die Variante mit Lamminnereien und Avocado ausgezeichnet.
In Saquisili haben wir auch einen französischen Fotografen von Galapagos wiedergetroffen, dem man am Vortag im Bus von hinten die Tasche zwischen seinen Beinen aufgeschnitten und Kameraobjektive im Wert von mehreren Tausend Euro gestohlen hatte. Als Schmankerl musste er dann sechs Stunden bei der Polizei verbringen, um Anzeige für seine Versicherung zu erstatten. Seitdem haben wir unsere Taschen im Bus nur noch auf dem Schoß.
Andine Landschaft
Schäferin
Markt in Zumbahua
Land der Hüte
Drei kleine Schneiderlein
Wollmania
Seilschaft
Da ist ein Ei im Schuh
Kritische Blicke zweier Frauen
Hamstern für schlechte Zeiten
Bitte gründlich!
Quilotoa Lagune
Wanderung auf dem Kraterrand
Schäfer und Schäfers Sohn
Im Blumenmeer
400 Meter weiter unten
Sonnenuntergang auf 4000 Metern
Unsere Gastfamilie in Quilotoa
Wo gehts hier zur Schweiz?
Das heißt hier Ecuador!
Von Chugchilan nach Insinlivi
Von Zumbahua ging es für uns mit einem Pickup weiter nach Quilotoa. Netterweise hatte man mir extra einen wackeligen Plastikstuhl auf die Ladefläche gestellt, der aufgrund der Fliehkräfte mit jeder Kurve seinen Zustand von konkav zu konvex und zurück änderte. Die wenigen Häuschen von Quilotoa liegen auf 3800 Metern Höhe, am Rand eines riesigen Kraters mit mehreren Kilometern Durchmesser. Geht man die wenigen Schritte bis zum ungesicherten Rand blickt man auf die türkisfarbene Lagune, die vierhundert Meter weiter unten zwischen den fast senkrechten Felswänden liegt. Neben dem Ab- und Wiederaufstieg haben wir zwischen Blumenmeeren in der Sonne gelegen, abends Holz gehackt, um die Hütte warm zu kriegen und eine fünfstündige Rundwanderung auf dem Kraterrand unternommen bei der wir auch gleich unseren zweiten Hagelsturm abbekommen haben. Anders als in den Paramo-Ebenen sind hier Talsohlen und die Berghänge bis in scheinbar unmögliche Höhen und Steillagen durchweg kultiviert. Wie riesige grün, gelb und braune Flickenteppiche erstrecken sich die Felder und Weiden gesprenkelt durch die pinken und roten Kleider der Hirten sowie die weißen und braunen Felle der Lamas. Sie werden zudem noch überwölbt vom blauem Himmel und weißen Quellwolken. Nur natürlich dass wir länger geblieben sind als geplant und in Chugchilan, dem nächsten Dorf mehr Wanderungen unternommen haben bei denen wir sogar von oben über die geschlossene Wolkendecke über der Küste schauen konnten.
Zurück auf der Panamericana fuhren wir zwischen den beiden mächtigen Andenketten Richtung Süden. Warum Alexander von Humboldt dieses Tal Route der Vulkane getauft hat, konnten wir eindrucksvoll sehen als erst der Cotopaxi mit seinem perfekt schneebedeckten Kegel und dann der Aschewolken spuckende Tungurahua aus den Wolken vor uns auftauchte.
Mit Banos haben wir auch dem Touristenmekka Ecuadors einen Besuch abgestattet. Neben den vielen Ausländern werden die Ecuadorianer bus- und schulklassenweise heran gekarrt. Attraktiv ist der Ort nicht, dafür liegt er in einem sehr schönen Tal, dass den Zugang zum Oriente, dem Amazonasgebiet in Ecuador darstellt. Aus Mangel an Phantasie vertreiben sich die meisten Besucher ihre Zeit in Banos, in dem sie an vorkonfektionierten Aktivitäten teilnehmen. Da kann man an Seilen von Brücken springen, mit Schlauchbooten den Fluss hinunter fahren, mit kleinen, motorisierten Buggys den Wald verpesten oder mit Seilbahnen von einer Talseite zur anderen fahren. Wir haben uns Fahrräder ausgeliehen und sind damit die sechzig Kilometer vorbei an vielen Wasserfällen das Tal hinunter gefahren und haben dabei beobachtet wie sich die Vegetation von karger Bergweltflora in üppigen Dschungel verwandelt und der Straßenrand von unzähligen wilden Orchideen gesäumt wurde. Sechzig Kilometer? Nicht ganz, vielleicht fünfzehn Kilometer vor unserem Ziel erwischte uns ein tropischer Wolkenbruch, der uns bis auf die Haut durchnässte und schließlich dafür gesorgt hat, dass wir mit einem Pickup zurück getrampt sind.
Damit hatte sich unsere Lust auf Banos ziemlich erschöpft und da wir immer noch auf unsere Post warteten und uns deswegen nicht so weit von Quito entfernen wollten, traten wir die Reise über Ambato nach Guaranda an. Sowohl die Fahrt hinauf, vorbei am Chimborazo, dem höchsten Berg Ecuadors, als auch der Rückweg nach Riobamba waren landschaftlich einzigartig. Was Guaranda neben ein paar alten Häusern und einer Kirche an Einzigartigkeit fehlt machen die Lage im Tal der sieben Hügel und seine Bewohner wieder wett. Grundsätzlich sind die Ecuadorianer durchaus freundlich, aber weit schüchterner, als ihre kolumbianischen Nachbarn. Dafür sind aber die Indigenen genauso zugänglich wie ihre Landsleute und freuen sich über ein Gespräch ganz im Gegensatz zu beispielsweise den Mayas in Guatemalas Bergdörfern, zu denen nur sehr schwer Kontakt zu knüpfen ist. In Guaranda konnte man wiederum beim seltenen Anblick von Touristen nicht lange an sich halten ohne uns mit Fragen, Hilfestellungen und Empfehlungen für das beste Essen zu bombardieren. Mit dem Bus sind wir ein Seitental hinauf nach Salinas gefahren, einem kleinen Andendörfchen auf 3550 Metern, in dem sich mit Hilfe Schweizer Technologie mehrere Kooperativen zur Käse-, Salami- und Schokoladenherstellung gegründet haben. Dabei wird den umliegenden Bauern ein fester Preis für die Milch ihrer Kühe und Schafe garantiert. Eine kleine Erfolgsgeschichte also, vor allem, wenn man weiß wie hervorragend guter Käse und echte Salami nach mehreren Monaten Reis und Huhn schmecken. Zum großen Erstaunen der Bewohner haben wir die zwanzig Kilometer zurück nach Guaranda wandernd zurück gelegt. Unglaublicher weise konnten wir endlich mit Hilfe des Internets feststellen, dass unsere Briefe Marke „Deutsche Post - Eilbrief International“ nach vier Wochen in Quito angekommen waren. Das Paket welches wir aus Otavalo nach Deutschland geschickt hatten war übrigens bereits nach zehn Tagen unversehrt angekommen. Wir sind also nach Riobamba gefahren und haben versucht vom Stadtberg einen Blick auf den ein oder anderen Vulkan zu werfen. Vergeblich, die Wolken wollten keinen preisgeben. Am nächsten Tag habe ich die insgesamt acht Stunden Bus- und zwei Stunden Taxifahrt nach Quito und wieder zurück auf mich genommen, um endlich den Ersatz für meine Kreditkarte zu bekommen, die wir sperren mussten, da jemand fröhlich irgendwo in der Dominikanischen Republik viel Geld abgehoben hatte.
Der Cotopaxi
Der Tungurahua bei der Arbeit
Fahrradtour ins Amazonasgebiet
Tukan
Portal in Guaranda
Encebollado zum Frühstück
Unverhoffte Käserei
Milchtruck in den Anden
Andenpanorama
Berge hatten wir nun schon einen Haufen gesehen und da wir uns aufgrund unseres Galapagos Besuches entschieden hatten die Küste Ecuadors auszusparen, wollten wir wenigstens einen Abstecher ins Amazonasgebiet machen. Da die Straße von Riobamba nach Macas im Oriente eine der schönsten Strecken des Landes sein soll, machten wir uns also auf den Weg zum Busbahnhof. Dass mir im Taxi unser Deutscher Reiseführer abhanden gekommen ist war nur der Anfang einer Serie von Fehlschlägen, die wir mit unserem Macas Besuch verbinden. Kaum am Busbahnhof angekommen mussten wir erfahren, dass eben jene Strecke, die ein Hauptgrund für unseren Abstecher sein sollte aufgrund von Bauarbeiten gesperrt war. Kurz entschlossen setzen wir uns in den nächsten Bus nach Puyo, zurück über Banos durch unser Fahrradtourtal, um dort nach Macas umzusteigen. Neben uns saß eine vierköpfige Familie auf zwei Sitzen. Nach einer Stunde Fahrt diskutierte der Vater kurz mit dem Busfahrer, worauf dieser am Straßenrand hielt und Papa für fünf Minuten verschwand. Als er wieder auftauchte und der Bus weiter fahren konnte, hatte er nicht etwa seine dringende Notdurft verrichtet sondern ganz im Gegenteil eine dampfende Papptüte in der Hand und schon fing die gesammelte Familie an einem ganzen gegrillten Meerschweinchen rumzunagen. Als ich den Papa fragte ob es Cuy sein bejahte er mit vollem Mund und offerierte uns einen Schenkel, den wir dankend annahmen (beim Essen können wir ja nicht nein sagen!). Tatsächlich hat es gut geschmeckt, ein bisschen Huhn, ein bisschen Kaninchen. Wenn Ihr in Deutschland also mal Hunger im Bus bekommt, versucht doch mal den Fahrer zum Anhalten zu überreden, damit ihr Euch in der nächsten Pommesbude einen Broiler kaufen könnt... Nach den ersten drei Stunden dauerte die Weiterfahrt von Puyo nach Macas nochmal fast eben so lang, wobei sie mir aufgrund der dummen Filme und vordersten Plätze, wo einem die ständig ein- und aussteigenden schlammigen und nassen Angler auf die Füße treten, noch wesentlich länger vorkam. Auch die Händler ließen sich durch den dröhnenden Fernseher nicht von ihren emsigen Verkaufsvorträgen abhalten. In der Summe lässt das auch schnell die Scheiben beschlagen, sodass wir wenig vom Dschungel um uns herum gesehen haben. In Macas stellten wir fest, dass wir rechtzeitig zum Stadtjubiläum gekommen waren und es so ziemlich schwierig war überhaupt eine Unterkunft zu finden. Die die wir dann doch noch gefunden haben, hielt dann folgerichtig wiederum Bed Bugs für uns parat. Das absolute Highlight hingegen, welches die Reise nach Macas dann doch alleine lohnenswert machte, haben wir am Abend nebenan auf dem Grill gefunden. Ayampaco besteht aus Huhn in Marinade mit untypisch vielen Gewürzen, dass in ein Bananenblatt eingewickelt mindestens eine Stunde auf dem Feuer vor sich hin gart und schließlich mit gedünsteter Yuca und scharfer Aji-Soße serviert wird. Das Ergebnis ist eine für Lateinamerika absolut rare Geschmacksexplosion im Mund, die uns in verlorene Asienzeiten zurück versetzte. Nachdem wir dann am nächsten Tag mit vielen Insektenbissen am Körper umgezogen waren, haben wir uns zumindest die Parade auf der Hauptstraße angeschaut, die ein wenig an einen Karnevalszug erinnerte. Entgegen unserer Gewohnheit alles auf eigene Faust zu machen, wollten wir über ein Reisebüro eine Tour zu einem der Shuardörfer im Amazonasgebiet machen, die allein reisende Touristen nicht gerne sehen (oder sogar deren Köpfe schrumpfen;-). Aufgrund der Fiesta bequemte man sich aber erst am nächsten Tag zu öffnen, nur um unsere Bilder von nackten Amazonas Indianern mit Kriegsbemalung zu zerschmettern indem man uns Fotos von Turnschuh, Jeans und Tshirt tragenden Eingeborenen mit Handy in der Hand zeigte. Also haben wir die Amazonaserfahrung auf später verschoben und waren bereit für die Abreise, mussten uns am Busterminal jedoch sagen lassen, dass beide Straßen nach Süden Richtung Cuenca aufgrund von Erdrutschen unpassierbar sind und somit ein mindestens zwölfstündiger Umweg über Schotterstraßen von Nöten sei. Super Urlaub! Auf der Straße trafen wir dann noch einen in Hamburg lebenden Ecuadorianer, der für die umgekehrte Richtung Dreißig Stunden gebraucht hatte und ziemlich fertig war. Zur Besänftigung habe ich mir ein frisch gegrilltes Cuy bei Mutti an der Ecke gegönnt, dass noch viel besser war als der Schenkel im Bus. Knusprige Haut und zartes Fleisch, dass nach einem ganz feinen Schinken schmeckt. Ich werde es wieder tun, auch wenn ich beim nächsten Mal vielleicht die untere Hälfte ohne Augen und Zähne nehmen würde. Wir sind am nächsten Tag über den gleichen Weg und zum dritten Mal durchs Banostal zurück nach Riobamba gekehrt, um wiederum am nächsten Tag die nochmals sechsstündige Busreise nach Cuenca anzutreten.
Riobamba
Fliegende Röcke im Regen
Cuy-Rotator
Lecker Cuy!
See im Cajas Nationalpark
Cajas Nationalpark
Das Tal von Riobamba nach Cuenca ist landschaftlich wieder beeindruckend und der letzte Teil der Zugstrecke, die noch in Betrieb ist, folgt an der steilsten Stelle einem Zickzackkurs, der mehrfache Richtungswechsel erforderlich macht, in die Tiefe. Leider fährt der Zug nur noch für Touristen und im Moment auch nur noch die paar Kilometer von Alausi nach Sibambe sowie zu einem unangemessenen hohen Preis, so dass wir die Aussicht aus dem Bus von der anderen Talseite vorzogen. Cuenca ist zu recht Weltkulturerbe. Neben zahlreichen prächtigen Kirchen reihen sich koloniale Villen an restaurierte Paläste. Neben der Altstadt haben wir uns die ersten Überbleibsel von Inkaruinen angeschaut und über die Schrumpfköpfe im ethnografischen Museum gestaunt. Unter den Vorzügen, die wir in der Zivilisation Cuenca genossen haben, waren auch die mannigfaltigen Möglichkeiten Reis frei zu essen. Tatsächlich sind wir mittlerweile sicher, das die Lateinamerikaner wesentlich mehr Reis essen, als die Asiaten, nämlich dreimal am Tag, wohingegen unsere Freunde von der anderen Seite des Pazifiks mit morgens Suppe, mittags Nudeln und abends Reis nur auf einmal am Tag kommen! So schön Ecuador ist, ein paar kleine Schönheitsfehler hat es auch. Da sind die unerträglichen Abgase, die die Gassen der Dörfer und Städte füllen sobald auch nur ein oder zwei Autos in Sicht sind. Wir haben noch ein paar der Atemmasken aus Teheran und waren mehrmals nah dran sie aus unseren Rucksäcken auszugraben. Weiterhin gibt es nur zwei verschiedene Biere. Und dann ist da diese Unart immer und überall Musik, Handys und Fernseher gleichzeitig laufen zu lassen. Betritt man ein Comedor (kleines einfaches Speiselokal) wundert man sich oft, warum alle Gäste auf der gleichen Tischseite sitzen und wie willenlos Reis in den Mund schaufeln, bis man zwischen den viel zu vielen Reizen den Fernseher isolieren kann. Zugegebener Maßen sprechen wir hier nicht nur von einem ecuadorianischen Phänomen.
Einen wunderbaren Abschluss unseres Besuches in diesem facettenreichen Land haben wir mit einer Wanderung durch den Nationalpark Cajas gefunden. Auf einer endlosen Flächen erheben sich schroffe Berge aus Grasebenen, die mit hunderten von Seen durchsetzt sind. Dazwischen grasen Lamas und wenn man wie Nadja ganz viel Glück hat, kann man sogar einen Paramo-Wolf erspähen. Wir freuen uns jetzt auf die Pazifikküste und Peru!
In diesem Sinne: „Kayakama!“- „Hasta luego!“ - „Bis bald!“.

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Kommentare

Anne schrieb:

suuuuuuuuuuuuuuper der Text und erst recht die Fotos.
Daß Nadja feilschen kann haben wir live in Thailand erlebt,aber daß sie nun auch eine harte Konkurrenz für Zocker und Wetter ist.........
Mit Überfällen u.ä. müßt ihr euch nun wohl anfreunden müssen,Südamerika ist dafür prädistiniert,haben wir persönlich erlebt.
Sch...armut.....

09 Juni 2011 um 11:07
Anne schrieb:

warum haben wir dann unser cuy sterben lassen und nicht vorher verzehrt????????????
Ob wir kai noch jemals in die Augen gucken können?????????????

09 Juni 2011 um 11:11
Inge schrieb:

Der Bericht für die Großeltern ist ausgedruckt - und ich habe nochmal in Ruhe alles nachlesen können : versucht, die kulinarischen Köstlichkeiten nachzuempfinden (bei manchen fällt es schwer!) und die Farbigkeit des Marktlebens zu genießen ( den Hahnenkampf weniger) , sowie bei euren Touren in dieser beeindruckenden Landschaft "dabeizusein" - und über manche Feinheit in den Formulierungen
zu lächeln.
Ihr lasst uns viel von Südamerika kennenlernen - und macht Lust auf "mehr"!
Erfreut euch weiterhin an der Vielfalt,
insbesondere des Essens , hier in D. ist es dagegen langweilig und z. Zt.
"Ehec-belastet".

11 Juni 2011 um 05:16
Luzie schrieb:

hmmm...ooohhh...aaahhhh...uuuuhhhh...wahnsinns Bericht - wiedermal! Und ich darf bemerken, dass das Archiv rechts immer mehr Monate beinhaltet. Was das bedeuten mag..!?!?!?!?! :-)

Küsschen und wunderbare Weiterreise,
Luzie*

14 Juni 2011 um 08:48
Bianca schrieb:

Viele Grüße an mein "Traumland" Peru ... und wenn ihr am Machu Picchu oder in der Nazca Wüste seid, denkt mal an mich ... vielleicht merke ich es dann :-)

19 Juni 2011 um 10:44

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