25 Juni 2010

Kirgistan: Osh, Arslanbob, Bishkek, Tamchy, Kochkor, Song-Köl, Karakol, Altyn Arashan, Karkara, Bishkek, Naryn, Torugart-Pass

Ausritt in die Berge
Arslanbob Panorama
Toktogulstausee
Herr Lenin in Bishkek
Pastaresteessen
Füsse im Issyk-Köl
Wir schreiben Euch aus dem Land, wo es fast mehr Esel als Menschen gibt und die Natur unbeschreiblich schön ist. Wir haben uns nach Natur gesehnt und Natur bekommen. Schon nach dem Grenzübertritt nach Kirgisistan ist unser Herz aufgegangen. Nach wochenlangem Reisen durch Wüsten und Wüstenstädte fuhren wir urplötzlich durch sattgrüne Weiden und Hügel als ob die Landesgrenze die Vegetation teilt. Die durchschnittliche Höhe des Landes liegt bei 2750m und 40% liegen über 3000m, so dass man egal in welche Richtung man blickt, immer schneebedeckte Berge hinter den grünen Hügeln sieht. Da wir die einzigen Überquerer an der Grenze von Usbekistan nach Kirgisistan waren (man hatte aufgrund der Unruhen im Mai, die Grenze außer für Ausländer geschlossen), ging der Grenzübertritt relativ schnell von statten auch wenn man sich nun aufgrund von Langeweile besonders für uns und unser Gepäck interessierte. Nach einem kurzen Zwischenstop in Osh, was drei Tage später nicht mehr so aussehen sollte, wie wir es gesehen haben, sind wir direkt in das Naturleben abgetaucht. Für ein paar Tage haben wir es uns in einem kleinen Dorf namens Arslanbob auf 1600m gut gehen lassen. Das Dorf ist bekannt für seine 60.000 ha großen Walnußwälder und bestimmt auch für seine Esel, denn wir sind morgens nicht vom Hahnengeschrei sondern vom Esels-IA und Eselstraben über Stock und Stein munter geworden. Wir haben bei einer Familie geschlafen, deren Haus und damit unser Fenster direkt am Eselshighway lag. Für Autos war diese „Straße“ eher schlechter befahrbar. Da wir eine mehrtägige Tour per Pferd im Hinterkopf hatten, und nicht ganz sicher waren, ob unsere Körper das auch so toll finden, haben wir in Arslanbob die Gelegenheit genutzt, mit einem eintägigen Ritt in die Berge, unser Gefallen daran auszutesten. Der Aufstieg per Pferd war ziemlich einzigartig, aber nach ein paar Stunden und spätestens beim sehr steilen Abstieg, konnte man so einige Muskeln merken, die man sonst nicht zu spüren bekommt. Der Tag als auch der Ausritt waren fantastisch, nichtsdestotrotz haben wir uns aufgrund unserer Anatomie gegen zukünftige mehrtägige Ausritte entschieden. Da alle Straßen vom Süden des Landes Richtung Nordosten aufgrund von immer noch zu viel Schnee gesperrt waren, haben wir bei unserer Weiterfahrt die einzig mögliche Straße über Bishkek gewählt.
Unser Viertel in Kochkor
Viehmarkt in Kochkor
Automarkt in Kochkor
Freunde in Kochkor
Viehherdenauftrieb
Straße zum Song-Köl
Yaks und Kai
Riders on the storm
Die Fahrt sollte ca. 8-10 Stunden dauern. Leider hat das Auto schon nach 3 Stunden Anzeichen eines Defektes aufgewiesen, die unser Fahrer nicht sehen wollte und auf unsere Frage hin, ob man nicht die Werkstatt des letzten Ortes vor den zwei kommenden Pässen aufsuchen sollte, verneinte er. Die Abstände zwischen unsern Stops, weil die Kühlwasseranzeige auf dunkelrot stand wurden immer kürzer und die Fahrtgeschwindigkeit immer langsamer. Zum Schluss haben wir im Straßengraben liegende Plastikflaschen gesammelt, um diese an jeder Wasserquelle aufzufüllen und dann das Kühlwasser auszuwechseln. Zu diesem Zeitpunkt sahen wir uns eher am Straßenrand in vereinzelt stehenden Yurten schlafen als in Bishkek. Als wir den zweiten Pass dann tatsächlich geschafft hatten und es nur noch bergab ging, wuchs die Hoffnung auf ein warmes Bett in Bishkek, welches wir nach 15 Stunden Fahrt auch tatsächlich bekommen haben.
Eigentlich wollten wir nur eine Nacht in Bishkek bleiben. Einige Ereignisse machten uns jedoch einen Strich durch die Rechnung. Zum einen sprachen das erste Deutschlandspiel, welches einen Tag später um 0.30 Uhr beginnen sollte und Bishkeks Kneipendichte dafür, zu bleiben. Zum anderen ein weniger schönes Ereignis, welches alle, die mit uns im gleichen Guesthouse waren, erstarren ließ. Im Süden des Landes, in den Städten Osh und Jalal Abad, in denen wir drei Tage vorher noch waren, sind Kämpfe zwischen Usbeken und Kirgisen ausgebrochen, die bis heute inoffiziell über 2000 Tote gefordert haben. Es gibt zahlreiche Spekulationen über die Ursache wie Kriegstreiberei durch den gestürzten Präsidenten, Bandenkriege, ein Kampf um Drogentransport, oder doch ethnische Kämpfe, die hier keiner gerne zugibt? Hier im Süden des Landes vor allem in den zwei genannten Städten leben ca. 80% Usbeken, die schon seit der Unabhängigkeit beider Staaten immer zum Unmut der Kirgisen beitragen. Fakt ist, dass weder die Regierung, noch die Polizei, noch das Militär mit Panzern und Hubschraubern Herr der Lage wurden und die Kämpfe dadurch neben der genannten Todeszahl noch 300.000. Flüchtlinge, 2000 Verwundete und niedergebrannte Städte gekostet haben. Unser Guesthouse entwickelte sich irgendwie zu einem Auffanglager für Osh-Touristen. Die Stunden und Tage voller Angst, die manche von ihnen erlebt haben, möchte niemand teilen und Kai und ich sind froh, kurz vorher dort abgefahren zu sein. Es entwickelte sich aus unserem netten Hof eine Art Oase, in der jeder fest saß, seine Pläne ändern musste, sie mit anderen durchsprach oder Neuigkeiten austauschte, wie man einen günstigen Flug nach XY bekommt, welche Grenzen geschlossen wurden und wie man schnell andere Visa bekommt. Viele, die die Kämpfe für ein paar Tage miterlebt hatten und nicht aus ihrem Versteck kamen, entschieden sich verständlicherweise für einen schnellen Flug in ein anderes Land. Ablenkung verschafften uns die ersten Spiele der WM, die wir in einer multikulturellen Horde und mit viel Bier erlebt haben sowie ein Kochabend im Hof, bei dem jeder zum Entschluss kommen musste, dass ein normal sterblicher Japaner noch nie im Leben selbstgemachte Pasta gegessen hat. Die im Guesthouse gestrandeten Japaner fielen über unsere Pastareste her und bestätigten permanent, dass sie noch nie so gute Spaghetti mit Tomatensoße gegessen haben. Eigentlich auch wieder kein Wunder, da sie sich den ganzen Tag unzählige 2-Liter-Plastikflaschen Bier und Asia-Tütensuppen hintergeholfen haben.
Jurtenaufbau
Vater und Sohn
Seilspringen
Kleine Helferin
Mehr Helferinnen
Noch mehr Helfer
Belohnung warmes Essen
Unsere Jurten vor dem Song-Köl
Unser hellblaues Klo
Song-Köl bei Nacht
Jedenfalls haben uns die die Botschaften gesagt, dass der Norden sicher ist und die Berge sowieso, und wir entschieden uns für 10 weitere Tage, nicht aber ohne uns vorher ein Kasachstan Visum zu holen, da der geplante Weg nach China über Osh zurück geführt hätte. Und so haben wir traumhaft schöne Tage am Issyk-Köl, dem zweitgrößten Alpinsee nach dem Titicaca-See verbracht und sind danach nach Kochkor, einem kleinen Ort, der uns als Ausgangspunkt für unsere Song-Köl-Tour diente gefahren. Mit großen Ambitionen zu Reiten, zu Fischen und zu Grillen sind wir zunächst erst einmal froh gewesen, dass der Pass ein paar Tage vorher überhaupt geöffnet wurde. Der Song-Köl liegt auf 3016m, ist von Oktober bis März zugefroren und die Pässe um ihn herum aufgrund von Schnee nicht zugänglich. Die Weiden um den Song-Köl werden in den Monaten Juni bis August von vielen Nomadenfamilien als Sommerquartier für ihre Yurten und damit auch Herden genutzt. Unser Plan, in einer solchen Yurte zu übernachten, sah anfänglich noch nicht erfolgreich umsetzbar aus, da zunächst erst vier Familien beim Aufbau ihrer Yurte zu sehen waren. Es blieb uns aufgrund der aufziehenden Regenwolken also nichts anderes übrig, als mit anzupacken und beim Aufbau der Yurten zu helfen. Wir waren vier Rucksacktouristen und davon zwei Architekten. So gingen die Meinungen bzgl. des Aufbaus nicht nur zwischen Vater und Sohn auseinander, sondern auch noch zu denen von Kai und Tim, die ihre Meinung aber glücklicherweise nicht so laut kund taten, wie das der Vater gegenüber seinem Sohn tat. Erfahrung zählt natürlich manchmal mehr als Logik. So ein Aufbau dauert für Geübte ca. 4 Stunden. So standen zwei Yurten erfreulicherweise bei Einbruch der Dunkelheit und der kleine Ofen innen gab sein Bestes, den Kuhmist in Wärme umzuwandeln. Außer ein paar wilden Pferden sahen wir keine für uns geeigneten Pferde zu einem Ausritt, Kais Angel aus einem gebogenen Draht als Haken, einer Schnur, einem Stein als Gewicht und einer abgeschnittenen Colaflasche als Schwimmer konnte unverständlicherweise ebenfalls nicht bei den Fischen im Song-Köl punkten. Die kleine Jungs der Familie haben unseren Job dann mit einem Netz übernommen und so sind wir doch noch zu gegrilltem Fisch auf 3000m gekommen.
Den Abschluß in Kirgistan haben wir schließlich in Karakol, östlich vom Issyk-Köl gefunden, von wo aus wir in einer Tageswanderung durch eine Tal bis auf eine Hochebene zwischen schneebedeckten Bergen gewandert sind. Nachdem sich hier so langsam der Dauerregen eingestellt hat, sind wir mittlerweile so weit dieses schöne Land, bestimmt nicht für immer, wieder zu verlassen. Im Moment sitzen wir im sonnendurchtränkten Garten unseres Guesthouses und bereiten uns mental (mit Baltika 3) darauf vor, Kirgistan morgen durch die Hintertür nach Kasachstan zu verlassen, pünktlich einen Tag vor der Abstimmung über eine neue Verfassung. Das nächste Mal werden wir uns aus China melden!

<< Zurück zu UsbekistanWeiter zu Westchina >>


Kommentare

Silke schrieb:

Hey Leute,

Schoen, dass es Euch gut geht! Die Nachrichten ueber die Unruhen hatte ich mitverfolgt und daher jeden Tag geschaut, ob Ihr Euch wieder im Blog gemeldet hab.
Ich wuensch Euch weiterhin eine tolle Reise!
Liebe Gruesse aus Chicago,
Silke

25 Juni 2010 um 07:36
Ingeburg Lange schrieb:

Faszinierend, eure Texte und Fotos :Tier-geschichte, Taxigeschichte,Menschen-geschichte,Natur-geschichte, in einer Jurte eingeladen, ein himmelblaues Klohaus (das macht Lust, sich ebenfalls ein himmelblaues Örtchen zu schaffen!).
Übrigens: wie verhandelt man mit einem Taxifahrer über den Preis, wenn er kein Englisch spricht?
Höchst gespannt auf eure Chinaerlebnisse
- und jetzt nur noch 6 Wochen bis zum Wiedersehen in Bangkok-
drückt euch in Gedanken ganz herzlich
eure Inge

26 Juni 2010 um 05:37

Neuer Kommentar

Dieser Artikel ist geschlossen. Keine Kommentare mehr möglich.