06 Juni 2010

Usbekistan: Samarkand, Tashkent, Kokand, Fergana

Registan in Samarkand
Ulugbek Mausoleum Samarkand
Die Polizei und die Maulbeeren
Marktfrauen
Nachdem wir Buchara und Khiva hinter uns gelassen hatten, haben wir drei Tage in Samarkand verbracht. Hier deutete sich schon an, was später Gewissheit werden sollte, nämlich dass es mit den Unterkünften in Usbekistan, spätestens abseits der ausgetretenen Pfade durchaus schwierig werden kann. Nach unserer Nachtfahrt mit dem Zug durch die Wüste sind wir um sechs Uhr morgens mit einer Marschrutka (Minibus) vom Bahnhof ins Zentrum gefahren und auf den Bürgersteig gestolpert. Im Morgengrauen lag hier der Registan vor uns, ein Ensemble von drei großen Medressen, die Samarkand berühmt machen. Nachdem wir mühsam drei oder vier Hostels abgelaufen hatten, die allesamt gammelig oder einfach ungemütlich waren, fanden wir uns schließlich doch noch in einem großen Mehrgenerationenhaus mit zwei Innenhöfen ein und wurden sofort mit üppigem Essen gestopft. Die folgenden Tage haben wir mit Sightseeing verbracht, wobei wir uns aufgrund der Unmengen an Moscheen, Medressen und Mausoleen, die wir bereits gesehen haben, eher auf die Atmosphäre und das Gesamtbild konzentriert haben. Außerdem mussten wir unseren Körpern auch mal etwas Ruhe gönnen, zumal das Wasser in Samarkand offensichtlich nicht zum Reinsten gehört und wir die Toilette des Öfteren aufsuchen mussten. Die Polizisten auf dem Foto, die überall in großer Stückzahl anzutreffen sind, machen sich gerade über Ihre Ausbeute an Maulbeeren her. Maulbeerbäume haben wir an jeder Ecke von Täbris (Iran) bis hierher gefunden. Die Früchte sehen aus wie größere Brombeeren, entweder hellgrün oder fast schwarz und schmecken wenn sie reif sind sehr gut. Das erste Mal sind sie uns vor der Deutschen Botschaft in Tehran aufgefallen, wo sie sich ein Iraner direkt vom Baum in den Mund gesteckt hat. Immer mal wieder sieht man eine Kombo von 4 Leuten ein Tuch halten, während der fünfte oben im Baum sitzt und die Beeren von den Ästen schüttelt.
Die übliche willkommene Abwechslung ist auch in Samarkand der bunte Markt gewesen. Feilgeboten werden im Wesentlichen die saisonalen Gemüse und Früchte: Tomaten, Karotten, Paprika, Gurken, Kartoffeln, Zwiebeln, Kirschen, Aprikosen und winzige Äpfel. Dazu gibt es verschiedene getrocknete Früchte und mannigfaltige Arten von Nüssen, meistens auch gleich noch in gezuckerter und gesalzener Ausführung.
Tashkent
Markt Tashkent
Wurstmarkt
Lammzungensträußchen
Kai, Farrukh, Kamola, Nadja
Kai kriegt Kumis
Von Samarkand sind wir mit dem Zug nach Tashkent gebummelt. Die vorbeiziehenden grünen Felder und Eselskarren hatten es schwer, die Usbeken von den Schnulzen oder Gewaltfilmen im bordeigenen Fernseher abzulenken. In unserem Führer steht, dass der eine Ort, an dem man mit Sicherheit in eine Passkontrolle kommt, die Metro von Tashkent ist. Clever wie wir sind, schlichen wir also einem japanischen Paar hinterher, um sie möglichst unauffällig zu überholen, während sie nach ihren Dokumenten suchten. Geklappt hat es leider doch nicht und wir wurden trotzdem angehalten. Ein Händeschütteln und „Salam Aleikum“ (Friede sei mit Dir) sorgten aber gleich für eine freundliche Atmosphäre und nach dem üblichen neugierigen Durchblättern der bunten Aufkleber (Visa) und der rethorischen Frage „Tourist?“ konnten wir unseren Weg doch recht schnell fortsetzen. Die U-Bahnstationen in Tashkent sind im Sinne des kalten Krieges als Atombombenbunker konzipiert und daher vollgestopft mit Polizei. Fotografieren ist streng verboten, obwohl der ein oder andere Halt tatsächlich gelohnt hätte. Weiter ging es mit unserer Unterkunftsmisere: Das erste Guesthouse war voll, die anderen Budgetoptionen in den letzten Jahren geschlossen und die günstigen Hotels hatten ihre Preise mit 70$ aufwärts locker verdoppelt. In unserer Verzweiflung kam uns dann Farrukh zur Hilfe, ein usbekischer Arbeitskollege von Nadja, der mittlerweile mitsamt Frau und Kind in Frankfurt wohnt und arbeitet und gerade seinen Jahresurlaub bei der Familie in Tashkent verbrachte.
Ursprünglich wollten wir uns mit den dreien zum Plaudern und Sightseeing treffen. Farrukh, seine Frau Kamola, die Eltern, sowie die knapp zweijährigen Saida, die seit unserem letzten Treffen in unserer Frankfurter Wohnung vor ziemlich genau einem Jahr ganz schön aktiv geworden war, führten uns jedoch an einen feudal gedeckten Tisch mit tausend gefüllten Tellern und Schälchen, reichten uns mehrere Gänge und boten uns ebenso ein Bett an, was wir gerne annahmen. Die Völlerei wurde gleich am nächsten Morgen fortgesetzt und wir erfuhren einiges über die schwierige Lage, in der Usbekistan steckt. Der Präsident ist noch der ehemalige Gouvaneur aus Sovietzeiten. Seit der Unabhängigkeit 1991 hält er sich hartnäckig im Amt und nimmt die üblichen Korrekturen an der Verfassung vor, um immer wieder neue Amtszeiten zu bekommen. Unter den 94%, die ihm bei den letzten Wahlen ihr Kreuzchen gegeben haben, war auch der einzige Gegenkandidat... Die Produktion und Verarbeitung konzentrierte sich in den ehemaligen Sovietstaaten auf jeweils einige wenige Güter, sodass die Koordination und der Transport über Moskau laufen musste. Nach dem Zerfall der Sovietunion stehen die einzelnen Länder nun auf einmal mit ihrer Baumwollmonokultur oder verarbeitenden Gewerbe da, ohne die entsprechenden Absatzmärkte oder Zulieferer zu haben. Die Wirtschaft liegt folgerichtig am Boden und die Inflation im zweistelligen Bereich. Im Ergebnis wird alles teurer, während die Arbeitslosigkeit steigt und die ohnehin schon kläglichen Einkommen sinken. Wer kann, geht zum Arbeiten ins Ausland, die Hochqualifizierten nach Europa, die einfachen Arbeiter nach Kasachstan und Russland. In der Regel bleiben die Familien alleine im Land zurück. Die am schlimmsten Betroffenen müssen nach und nach Ihren Besitz veräußern, um sich ernähren zu können. Das dies nicht ewig so weiter gehen kann liegt auf der Hand.
Zu dem Essen gesellen sich in den beiden Tagen mit Farrukh und Kamola noch einige interessante Aktivitäten, wie Kumis trinken (vergorene Stutenmilch), Nadjas Behandlung bei einer usbekischen Zahnärztin in einem Behandlungszimmer mit 4 weiteren Zahnarztstühlen und unterhaltsame Marktbesuche mit Pferdewurst und Lammzungen.
Tulpen für Nadja
Pass
Taxifahrer-Homestay in Kokand
Kissenlager
Abschied von der Taxifamilie
Nach den vielen Städten wollten wir eigentlich unserem Drang nach Natur mit einem Besuch in einem Naturreservat nördlich von Tashkent nachgeben. Hier kam aber wieder das Problem der Unterkünfte zum Tragen. Man muss sich in Usbekistan jeden Tag bei einer Behörde registrieren. Das erledigt in der Regel der Herbergsvater. Da dies aber mit Kosten und erheblichem Ärger (sprich Bestechungsgeldern) einhergeht, ist die Anzahl der Unterkünfte und speziell der Budgetunterkünfte sehr stark eingeschränkt. Tatsächlich haben viele sogar in den letzten Jahren geschlossen. Eine ungewohnte und sehr lästige Situation, sind wir es doch normalerweise gewohnt, unserer Nase zu folgen und in der Regel relativ einfach eine Absteige zu finden. Nach stundenlanger Internetrecherche haben wir es aufgegeben, etwas anderes als alte überteuerte Sovietbetonbunker am Stausee zu finden, und uns dafür entschieden, direkt weiter nach Kokand zu fahren. Unser Fahrer des Sammeltaxis war sehr nett, hat Nadja Blumen gekauft und interessiert unsere Pässe studiert, während er mit Hochgeschwindigkeit die Berge zwischen Tashkent und Kokand durchschifft hat. In Kokand setzte sich die Unterkunftssuche fort. Nicht genug damit, dass in Usbekistan alle paar Jahre die Straßennamen geändert werden, wurden auch die Hausnummern überarbeitet und speziell in Kokand gibt es die Straße, die wir suchten mindestens dreimal. Nachdem wir an verschiedenen Türen geklopft, Klingeln gedrückt und in nichtswissende Gesichter geschaut hatten, nahmen wir schließlich die Einladung unseres Fahrers an, für eine Nacht bei seiner Familie zu wohnen. Kurz darauf fanden wir uns im Wohnzimmer des traditionellen Hofhauses wieder und die Herrin des Hauses häufte Teller um Teller mit Früchten und Leckereien auf den Tisch. Dazu gesellte sich der Opi, der vor ein paar Monaten eine intensive Begegnung mit einem Bus hatte, seitdem nicht mehr gut laufen kann und uns fortwährend anspornte, möglichst viel zu essen. Das abendliche Plov wurde von den Männern im Wohnzimmer eingenommen, Nadja musste mit den Kopftuchtragenden (konservative Familie) Frauen im Hof gastieren. Nur wenn drinnen wieder der Schrei „Chai“ laut wurde, durfte eine der Frauen hetzen, um neuen Tee zu bringen. Die Kommunikation war ein bißchen anstrengend, da unser Russisch noch nicht so richtig sattelfest sitzt, außerdem sprechen viele Usbeken nur noch ihre Landessprache, die dem Farsi sehr ähnlich ist. Irgendwie ging es aber wie immer mit Händen und Füßen und nach dem gemeinsamen Chillout im Hof sanken wir geschafft auf unsere beiden Kissenlager, die zunächst allerdings durch den Esstisch getrennt wurden (verheiratet sind wir ja nicht mehr). Als die Esserei am nächsten Tag wieder beginnen sollte, machten wir uns auf einen Rundgang durch Kokand, auch um der geplanten Sightseeingtour mit der ganzen Großfamilie zu entgehen. Die beiden älteren Jungs brachten uns schließlich nach einer herzlichen Verabschiedung zum Bus nach Fergana und verließen den Busbahnhof auch nicht eher, bis wir mit dem Bus losgefahren waren.
Such die Nadja in Fergana
Küchenschule
Küchenwerkstatt
Endlich Garten!
Das Fergana-Tal ist der Obstgarten Usbekistans und wir empfanden die sattgrünen Wiesen und teils schon gelben Kornfelder als wohltuende Abwechselung von den Städten. Fergana selbst ist eine relativ junge Stadt und wir durch breite, platanengesäumte Straßen und kleine bunte Häuschen bestimmt. Anstatt einer auf einer Dacha im Grünen, wie wir es uns die ganze Zeit vorgestellt hatten, sind wir dann jedoch in einer der wenigen, dafür aber umso mehr runtergekommenen Plattenbauten gelandet. Es war nichts anderes zu finden und unsere Laune war kurzzeitig am Boden angelangt. Umso herzlicher wurden wir dafür aber in der Familie, die 51 Wochen im Jahr nur aus Mutter und Sohn besteht, aufgenommen. Passend zu Farrukhs Erzählung arbeitet der Mann in St.Petersburg und ist nur eine Woche im Jahr zu Hause (in der er von uns vermutend und von der Mutti bestätigend mit Freunden betrunken im Teehaus liegt). Unsere Mutti hält derweil Nachhilfeunterricht in Englisch und Russisch in Ihrer Küche ab (dies passierte auch, während wir kochten) und kümmert sich um die Vermietung ihrer mittlerweile fünf Plattenbauwohnungen. Eine Übernachtung kostet hier übrigens 10$ pro Person, wovon ca. die Hälfte als Steuer und Bestechungsgeld wieder draufgeht. Wir haben uns die Bleibe mit zwei Australiern geteilt, während Mutti außerhalb und der Sohn in der Küche auf dem Boden geschlafen hat. Übrigens ist der Wasserdruck hier im Sommer so gering, dass nur das Erdgeschoss versorgt wird und wirklich jeden Tag kein Tropfen Wasser aus der Leitung kam. Mit einem selbst eingebauten Motor von Mutti, der ziemlich ohrenbetäubend war, wurde das Problem jedoch jedes mal wenn Wasser benötigt wurde gelöst. Beim abendlichen Kochen und Vodkatrinken ist dann auch einer der Hocker zu Bruch gegangen, den wir aber im Team fachmännisch wieder zusammenschrauben konnten. Auf jeden Fall haben wir so einen guten Einblick in den normalen Tagesablauf bekommen.
Bäckerei Margilon
Marktfrauen Margilon
Seidenmotte auf Seidenkokons
Seidenspinnerin
Da wir allerdings einige Tage in Fergana verbringen wollten, bevor wir nach Kirgisien weiterziehen, unser Raum kein Fenster hatte und weder Balkon noch Garten vorhanden war, haben wir uns am nächsten Tag auf die Suche nach einer Alternative gemacht. Die Suche nach einer bestimmten Adresse ist in Usbekistan fast unmöglich. Fragt man drei Personen zeigen sie in drei völlig verschiedenen Richtungen. Meint man die Straße gefunden zu haben hat, hat sich möglicherweise der Name geändert und auf die Hausnummern kann man sich schon gar nicht verlassen. Auch mit unserer usbekischen SIM-Karte ist anrufen eine Glückssache, da man immer mehrere Vorwahlen durchprobieren muss und wenn man denn mal ein Freizeichen bekommt, in der Regel niemand dran geht. Meldet sich doch eine Stimme am anderen Ende, dann in der Regel auf Uzbek und wenn man viel Glück hat gehen auch ein paar Worte Russisch. Nachdem wir diese Prozedur auch in Fergana mal wieder hinter uns gebracht und an mehreren Türen geklingelt haben, fanden wir das Sonja B&B überraschenderweise doch noch, mehr zufällig, da natürlich kein Schild am Tor hängt. Schließlich konnten wir uns nach zwei sehr warmen und stickigen Nächten im Plattenbau dann in einem putzigen Hofhaus mit grünem Innenhof einrichten und bereiten uns hier auf unsere Weiterreise vor. Neben einem Daytrip nach Margilon, wo wir eine Seidenfabrik besucht und den Brotbäcker über die Schulter geschaut haben, verbringen wir die Zeit mit Schreiben, Lesen und Essen. Am morgigen Montag werden wir versuchen die Grenze nach Kirgisien zu überqueren, im Moment scheint dort alles ruhig zu sein. Drückt uns die Daumen!
Übrigens noch eine Anmerkung für die, die es noch nicht bemerkt haben: Wenn Ihr einen der Blogeinträge anklickt, besteht die Möglichkeit darunter Kommentare einzugeben, über die wir uns freuen!

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Kommentare

patricia schrieb:

macht ihr eigentlich nochwas anderes als euch wie heuschrecken durch den asiatischen kontinent zu fressen? der blog ist ganz toll, ich bin immer noch nicht ganz durch, habe dir erten eintraege gelesen und lese immer wieder den neusten, aber dazwischen hab ich noich nicht alles geschafft. ist aber meine lieblings´-internetbeschaeftigung zur zeit. ist naddel wieder ganz fit?
sagt mal, wo ihr im oktober - november - dezember grob sein werdet, ich will euch naemlich treffen, hab nich n arschvoll urlaub zu vebraten.
freue mich schon auf eure naechste etappe!
Patricia

07 Juni 2010 um 10:28
Luzfuz schrieb:

..ich bin gespannt auf eure Fußball-Erlebnisse! :)

Die liebsten Grüße in die Ferne und auch zu dir Patricia! :)

LUZIE*

10 Juni 2010 um 03:44
Jean-Marie schrieb:

Hi ihr beiden... man braucht ja fast so lange eure Berichte zu lesen, wie ihr unterwegs seid - Hut ab!
Meine Tage sind auch gezählt - noch 6 Wochen. Bin echt froh und freue mich auf die ungeteilte Zeit mit Computer und Kind (; Die KLeine wächst und geheiht gut - keine Koliken, keine Zahnweh. Durchschlafen bis 6.00 Uhr ohne Ärger... und ich sach noch Kai - bei uns wird das besser (;

Euch noch viel Spaß und liebe Grüße... und immer schön suaber bleiben... LG

20 Juni 2010 um 10:12

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